Wo bleibt der menschliche Makel?

9. Jänner 2004, 20:37
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Orchester aus dem Rechenkasten: die Vienna Symphonic Library als Sammelbank der schönen Klänge

Ein Orchester aus dem Rechenkasten muss nicht zwangsläufig nach Seife und Plastik klingen - das beweist in Inzersdorf am Stadtrand von Wien die Vienna Symphonic Library als Sammelbank der schönen Klänge. Aber ist die Sache vielleicht sogar zu perfekt?


Wien-Inzersdorf - Kaum zu glauben, aber wahr: Im verschlafenen, aktuell natürlich pittoresk verschneiten, autobahnzerschnittenen und gemüsegroßmarktdominierten Inzersdorf am Stadtrand von Wien lagert digitalisierterweise die symphonische Zukunft der computerunterstützten Musikwelt. In gut einer Million kosiger Dateikojen dösen ebenso viele makellose, perfekt adjustierte Töne und Klänge aller Art in elektronischem Halbschlaf und warten darauf, von qualifizierten computerisierten Helfern zu klingendem Leben erweckt und dann von fachkundiger Hand und Sample für Sample zu etwas Größerem und vielleicht sogar etwas Großem vereint zu werden: zu einer Violinsonate etwa, einem Klaviertrio oder sogar einer kompletten Symphonie. Wonach dem Tonsetzer halt ist.

Schöpfer und Herr über diese barocke Fülle digitalisierten symphonischen Klang-Kleinkleins, über Heerscharen von crescendierenden und diminuierenden, staccato, legato oder portato, espressivo, sforzato oder sforzatissimo gespielten, tremolierenden oder trillernden, flatterzüngelnden oder einfach stinknormalen Streicher- und Bläsertönen wie auch über die mannigfaltigsten Klangpflänzchen aus dem weiten Feld des Perkussiven ist Herbert Tucmandl.

In den späten Neunzigern gebar der Wiener die Idee einer hochqualitativen symphonischen Klangbibliothek. Tucmandl arbeitete damals als Filmemacher und Filmmusikkomponist und war vom Level bestehenden Samplematerials alles andere als begeistert. Und er wusste nur allzu genau, wie die Sache denn zu klingen hätte: Der 1966 Geborene hatte an der Wiener Musikhochschule Violoncello studiert und als Substitut im Staatsopernorchester ausreichend orchestralen Idealklang produziert wie konsumiert.

Nahtlose Melodien

Tucmandl wusste auch um die Schwäche des vorhandenen Tonmaterials: Die Töne waren jeweils einzeln aufgenommen worden; digital verbunden war der melodiöse Klangfluss dann stets ein etwas abgehackter. Das Konzept Tucmandls war es, statt eines Einzeltons alle diesen Ton inkludierenden Zweitonfolgen innerhalb einer Oktavspanne aufzunehmen. Das vervierundzwanzigfachte zwar den Umfang der Aufnahmearbeit, machte im Endergebnis aber organische, nahtlose melodische Linien möglich.

Nach Jahren des Geldquellensuchens wurde Tucmandl schließlich beim Vorarlberger Unternehmer und Investor Markus Kopf fündig. In der Pampa Ebreichsdorfs entstand 2000 in kürzester, dreimonatiger Bauzeit ein eigenes Aufnahmestudio, die "Silent Stage", und dort strichen und bliesen Orchestermusiker fortan in knappem Schichtwechsel Tonpaare aller Art. Damit war erst der kleinste Teil der Arbeit getan: Aufnahmezeit und Bearbeitungszeit des Klangmaterials stehen im Verhältnis 1:10; zeitweise arbeiteten 30 fest angestellte Digitalbibliothekare an der Edition des Materials.

Vor gut einem Jahr wurden dann die zentralen Bausteine der Produktpalette lanciert - man kann nun paketweise einzelne Streichergruppen erwerben, Bläser, Glas-und-Stein-Sounds, wilde oder klassische Gitarrensounds oder eben gleich ein ganzes Orchester, für das man allerdings in der Premium-Edition bis zu 5500 Euro hinblättern muss. Als Klientel sind neben E-Musik-Komponisten und musikalischen Schulungsinstitutionen vor allem Studiomusikkomponisten in Europa und in den USA ins Auge gefasst. Hans Zimmer (König der Löwen, Gladiator) hat sich etwa bereits ein umfangreiches VSL-Paket zukommen lassen.

Wird Herbert Tucmandl so zum Sargnagel des klassischen Symphonieorchesters? "Nein. Ein paar Studiomusiker in den USA werden vielleicht ihren Job dadurch verlieren. In Europa hat das überhaupt keine Auswirkungen." Und: "Das originale Erlebnis kann ich und will ich ja sowieso nicht ersetzen." Geht er selber noch ins Konzert, so zum Vergleich? "Selten. Manche Mitarbeiter gehen. Die überkommt dann bei kleinen Unsauberkeiten immer die Lust, das gleich wegzueditieren."

Tatsächlich klingen manche Demobeispiele der VSL verblüffend perfekt - fast zu perfekt, sodass einem relativ bald etwas fehlt: das Makelhafte alles Menschlichen. Wer hätte gedacht, dass sich Unberechenbarkeit und Fehler letzten Endes einmal als Vorzüge erweisen können. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.1.2004)

Von Stefan Ender

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vsl.co.at
  • Ein Ambiente wie bei Stanley Kubrick: Ein Schneideraum in der "Vienna Symphonic Library".
    foto: vsl

    Ein Ambiente wie bei Stanley Kubrick: Ein Schneideraum in der "Vienna Symphonic Library".

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