Krümelmonsters Traumschäfer-Stunde

7. Jänner 2004, 19:37
posten

Was wird hier erzählt? Hermann Bahrs "Das Konzert" im Wiener Volkstheater

Wien - Als charakterkomödiantischer Appell zur Hebung der Ehehygiene wäre Hermann Bahrs bald hundert Jahre altes "Lust-Spiel" Das Konzert eine hoffnungslos hausbackene Angelegenheit. Ein selbstverliebter Starpianist inszeniert vor den selig geschlossenen Augen der Gemahlin die unverfrorensten Stelldicheins mit Schülerinnen - und darf im Zuge der gegenoffensiven Anstrengungen seines "klug lächelnden" Eheweibes auch noch um Verständnis für seinen liederlichen Johannistrieb werben.

Das Spiel birgt, abgewandt von Gänschen-Geschnatter und Entsagungsmühsal, hingegen einen unsichtbaren Stachel: Wenn Gustav Heink (Wolfgang Hübsch) tatsächlich schon zu senil ist, um aus seinen beschwerlichen Schäferstunden mit jugendlichen Liebhaberinnen auch wirklich Genuss zu ziehen, dann geht er seiner eigenen Inszenierung des Begehrens auf den Leim. Die Gretchenfrage lautet daher: Wer oder was verhilft den Ehevertragspartnern zu einer Begegnung, die "befremdlich" genug ist, um die erloschen geglaubte Begierde neu anzustacheln?

Walzer-Stunden

Im Wiener Volkstheater, wo die inszenierende Direktorin Emmy Werner die müde Scharteke mit Rosenkavalier-Klangjuchzen vom Band dekadent-erotisch aufrüstet, wird die Ehereform sozusagen ein weiteres Mal transzendiert: Die Regisseurin spart nicht mit gehässigen Verweisen auf das reale Elend Herrn Heinks.

Dessen Wohnung ist ein blumenduftendes Mausoleum zu Lebzeiten, an dessen Wänden Dutzende Karrierefotos das Stelldichein mit Größen wie Karajan beglaubigen sollen (Ausstattung: Andrea Bernd). Sein gaumig-singender Gesprächston bringt die Nase angenehm zum Vibrieren - dieser nicht mehr ganz junge Faun packt über seinem imposanten Embonpoint das Lächeln eines halb defekten Wärmestrahlers aus, während er beim geringsten Anlass zur Irritation in ein raunziges Wehklagen fällt, das die holde Jungmädchenschar in einen Schwarm von Wohlanstandstäubchen verwandelt: Krümelmonsters Schwererziehbarenstunde. Schleierhaft, woher die Faszination dieses Greisen-Kindskopfes rührt.

Denn seine sehr gefasste, magentarote Frau (Andrea Jonasson) legt ihr Elend wie ein besonders hauchdünn gewalztes Blech über die vielleicht zu auskömmliche Muße ihrer luxuriösen Betrogenenlebtage. Lässt sich von Dr. Jura (André Pohl), einer Art verhuschtem Literaturlehrkurs-Hofrat aus den Wonderboys, zum erotischen Gegenschachzug überreden und legt in ihren aufziehenden Whiskeyschwipps eine Marschallinnen-Wallung hinein: Sehr schön, sehr ernst gespielt ist diese reife Figur, und doch mit spitzen Virtuosinnenfingern vom Körper weggehalten.

So sind es eben die Details, die belegen, dass diese gewiss groß gedachte Unternehmung nicht ganz von dieser Welt ist - und auch in keinem beliebigen Fantasiereich ausreichend fundiert. Auf der Hütte, dem Heinkschen Liebesnest, über dem die Jagdtrophäen hängen wie in einer schwarz-finsteren Thomas-Bernhard-Klamm, entspinnt sich ein länglicher Ehediskurs - die junge Konkubine (Julia Cenciq) wirkt als frühstückshungriger Fratz von aller Inspiration entlassen, und der tief sitzende Schmerz der geschmähten Ehefrau, die die Komödie ihres weiblichen Begehrens dem Kindergugelhupf-Wahnsinn des behaglichen Gemahls ausliefern muss, gipfelt, nach einer herrlichen Charge von Chris Pichler als Verehrerin Nummer zwei, in einer Nora-Aktion. Frau Marie packt die Koffer. Das aber hätte sie leichter haben können. Was wird hier eigentlich erzählt?
(DER STANDARD, Printausgabe, 8.1.2004)

Von Ronald Pohl
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.