Fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn!

14. Jänner 2004, 21:43
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Nach 20 Jahren endlich wieder veröffentlicht: das legendäre zweite Album der belgischen Honeymoon Killers

Nach über 20 Jahren veröffentlicht das ehemalige Gründungsmitglied der belgischen Honeymoon Killers, Marc Hollander, auf seinem Label Crammed Records das legendäre zweite Album seiner Band endlich wieder.


"Von allen Straßen Frankreichs gefällt mir die am besten, die, per Auto oder per Anhalter, zur Südküste führt. Die Nationale 7 muss man nehmen, egal ob man nun nach Rom oder nach Sète will. Egal ob zu zweit, zu dritt, zu viert, zu fünft, zu sechst oder zu siebent, es ist eine Strecke, die sich lohnt. Diese Ferienstraße, die durch die Bourgogne und die Provence führt (durch den schönsten Teil Frankreichs führt), macht aus Paris eine kleine Vorstadt von Valence, und den Vorort von St-Paul-de-Vence. Der Sommerhimmel füllt die Herzen mit Klarheit, verjagt den sauren Geschmack und die Verbitterung, die den hektischen Großstädten Unglück bringen. Lasst uns feiern und singen! Die Olivenbäume sind blau, meine kleine Lisette. Die Liebe ist da, sie lächelt fröhlich, man ist glücklich auf der Nationale 7."

Zwar beginnen The Honeymoon Killers ihre Hommage an eine verdammte Autobahn ähnlich sachlich wie ihre deutschen Kollegen von Kraftwerk, doch die Belgier, die 1981 das Album Les Tueurs De La Lune De Miel (The Honeymoon Killers) aufgenommen haben, nehmen, bevor es zu trocken und staubig wird, doch die Ausfahrt zur Herzerweiterung: Ein Auto rauscht in diesem fröhlichen Pop-Song von der linken zur rechten Lautsprecherbox, und man kann sich tatsächlich einen klapprigen 2 CV vorstellen, in dem junge Leute vergnügt singend Richtung Süden düsen. Nationale 7, der erste und einzige Hit der Belgier, ist der Höhepunkt auf diesem legendären Album, das nun, über 20 Jahre nach seinem Erscheinen, endlich auf CD wieder veröffentlicht wurde.

Diese Verzögerung passt zur Biografie der Band, deren einziger "Makel" der ist, dass sie bereits 1977 mit Spécial Manubre ein (weitgehend unbekanntes) Debüt veröffentlicht hat. Zu schön wäre die Geschichte von einer Band aus dem Pop-exotischen Belgien, die ein spektakuläres Album veröffentlicht, erfolgreich durch Europa tourt, dabei unter anderem am Wiener Festival Töne-Gegentöne auftritt, einen Hit hat und just dann verschwindet, als das Interesse an ihr auch in Japan und Amerika erwacht. Sogar britische Musikmagazine wie der NME – damals noch ernst zu nehmen – überschlagen sich! Doch 1984 war die Geschichte der Honeymoon Killers (nicht zu verwechseln mit den später auftauchenden gleichnamigen Grungern!) zu Ende. Künstlerische Differenzen, wie das so schön heißt, waren der Grund für die Auflösung.

Doch das selbst betitelte Album strahlt bis heute. Und mit seinem ästhetischen Erscheinungsbild befindet es sich außerdem – nach 20 Jahren Zeitlosigkeit – an der Speerspitze der Gegenwart. Passt es doch bestens zum aktuellen No- und New-Wave- Revival. Mehr noch: In der Mischung aus teils dadaistisch anmutenden Texten, dem hektischen New-Wave-Gestus und den immer wieder auftauchenden bestechenden Synthie-Pop-Stücken, findet sich ein Ideenreichtum wieder, mit dem heutzutage locker 20 Alben zu bestreiten wären – und leider auch werden.

Die Band rund um den 1989 verstorbenen Sänger Yves Vromman rast mit abenteuerlichen Tempowechseln durch den Song Rush oder klingt in Fonce A Mort wie die französischsprachige Ausgabe der Brit-Pop-Granden von XTC. Ariane, ein Instrumentalstück, das der so benannten europäischen Satellitenträgerrakete gewidmet ist, könnte ebenso gut aus Brian Enos Feder oder von den frühen Talking Heads stammen. In Serge Gainsbourgs Laisse Tomber Les Filles gibt die zweite Stimme Véronique Vincent das hysterische Gör ebenso wie die eloquente Pop-Chanteuse. Eine atemberaubende Berg und Talfahrt ist das und bleibt trotzdem stringent und geschlossen!

Wenn man bedenkt, welche vergleichsweise primitiven Mittel der siebenköpfigen Band damals zur Verfügung standen – ein Meisterwerk, keine Frage. Entbehrlich sind lediglich die neu hinzu gefügten Bonus- Beigaben der CD-Edition. Vor allem die anstrengenden Live-Stücke, die aus der Frühphase der Band stammen dürften. Lassen einen diese doch wieder einmal die altbekannte Frage nach der Heilbarkeit von Free Jazz stellen. Ansonsten: "Un! Deux! Un! Deux!" – und rauf auf die Route Nationale 7. Der Sommer kann kommen! (DER STANDARD, Printausgabe, 9.1.2004)

Von Karl Fluch

Link-Tipp

www.crammed.be
  • The Honeymoon Killers
(Crammed Records/ Vertrieb: Ixthuluh)
    foto: ixthuluh

    The Honeymoon Killers (Crammed Records/ Vertrieb: Ixthuluh)

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