Bordelektronik "immer komplizierter"

9. Jänner 2004, 17:18
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Bergung der Fokker 70 gestaltet sich schwierig

München/Wien - Die Untersuchung der Ursache für die Notlandung einer Fokker 70 der Austrian Airlines am Montag sieben Kilometer vom Zielflughafen München entfernt könnte Monate dauern. "Bis es erste gute Informationen gibt, wird es Mitte Februar sein", sagte ein Sprecher der Deutschen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) am Mittwoch. Ein Entwurf für einen Abschlussbericht könnte demnach frühestens in einem halben Jahr vorliegen.

Wie berichtet, musste der AUA-Flugkapitän Jan Michael Kurka vergangenen Montag das Risiko der Notlandung eingehen, weil plötzlich die Triebwerke nicht mehr genug Schub lieferten. Alle 28 Passagiere und die vier Besatzungsmitglieder kamen ohne gröbere Blessuren davon.

Der plötzlich aufgetretene rapide Leistungsabfall in beiden Triebwerken stellt die Experten vor ein Rätsel. Auch Ingenieur Peter Christian Vyskocil, gerichtlich beeideter Sachverständiger für Luftfahrzeugtechnik, ist ein derartiger Defekt bisher noch nie untergekommen. Vyskocil, der unter anderem auch Gutachten für die Flugunfalluntersuchungsstelle im Verkehrsministerium erstellt, ist in die aktuellen Untersuchungen nicht eingebunden. Er wollte den konkreten Fall auch nicht bewerten. Im Gespräch mit dem STANDARD wies der Experte jedoch darauf hin, dass die Elektronik in Cockpits generell immer komplizierter werde. Das bedeute nicht, dass Systeme anfälliger für Fehler würden. "Aber wenn der Computer, warum auch immer, dem Triebwerk weniger Schub befiehlt, ist das praktisch nicht zu korrigieren", so Vyskocil. "Man denke nur an moderne Autos, auch da kann die Elektronik verrückt spielen."

Das Flugzeug befand sich Mittwoch weiterhin auf einer Straße, wohin es nach der Notlandung auf dem Acker mit Luftkissen geschleppt worden war. Vertreter der Versicherungsgesellschaft und des Herstellers begutachteten den Schaden. Wahrscheinlich wird die Maschine zerlegt und dann in einen Hangar am Münchner Flughafen transportiert. Für die Bergung des Flugzeugs müssen zumindest beide Flügel mit einer Gesamtspannweite von gut 28 Metern abmoniert werden. Der fast 31 Meter lange und mehr als 8,50 Meter hohe Flugzeugrumpf der "Wiener Neustadt" könnte dann mit einem Spezialtieflader abtransportiert werden.

Zusätzliche Checks

Seitens der AUA hieß es am Mittwoch, dass die übrigen neun Fokker 70 der Gesellschaft zusätzlichen Checks unterzogen würden. Bisher wurden keine Unregelmäßigkeiten entdeckt.

Bei Fokker wollte man unter Hinweis auf die laufenden Ermittlungen keine Stellungnahme zu der Bauchlandung abgeben. Die Fokker 70 sei aber ein sehr sicheres Flugzeug, hieß es in der Herstellerzentrale in den Niederlanden. Die Statistik gibt dieser Aussage Recht. Im Aviation Safety Network, wo alle Zwischen-und Unfälle der Luftfahrt erfasst werden, kam die Fokker 70 bis vergangenen Montag gar nicht vor. (APA, simo/DER STANDARD, Printausgabe, 8.1.2004)

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    Der Bordcomputer ist nicht mehr wegzudenken, die Elektronik in Cockpits wird aber immer komplizierter.

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