Bewegung in Nahost

20. Jänner 2004, 19:17
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Zur Überbrückung der historischen Gegensätze zwischen Syrien und der Türkei hat vor allem die Situation im Irak geführt - Ein Kommentar von Gudrun Harrer

Das muss man den USA lassen, in die erstarrten Fronten des Nahen Ostens kommt nach dem Irakkrieg Bewegung. Manches wird Washington mehr goutieren - wie die wundersame Bekehrung des Herrn Gaddafi, dessen Emissäre ihre Fühler bereits nach Israel ausstrecken -, etwas weniger gefällt ihnen wahrscheinlich die neue türkisch-syrische Eintracht, die soeben mit dem Besuch von Syriens Präsident Bashar al-Assad abgefeiert wird. Zwar wird spekuliert, dass Ankara, militärischer Partner Israels, auch zum Mittler zwischen Jerusalem und Damaskus - Kontakte gab es ja bereits - werden könnte, das steht jedoch nicht auf der US-Prioritätenliste Nummer eins. Zuerst soll Syrien andere Unterwerfungsschritte setzen.

Zur Überbrückung der historischen Gegensätze zwischen Syrien und der Türkei hat vor allem die Situation im Irak geführt. In Bagdad ringt der Regierungsrat darum, wie man die Machtstrukturen in den Kurdengebieten rechtlich definieren soll: Den Amerikanern ist es nicht, wie geplant, gelungen, das jahrelang selbst verwaltete Irakisch-Kurdistan rasch wieder in den Irak zu integrieren. Die Kurdenpolitiker Barzani und Talabani sind die mächtigsten Politiker überhaupt im Irak, sich mit ihnen anzulegen und ihre Macht zu beschneiden ist den USA bei den herrschenden Verhältnissen nicht möglich. Dass die Kurden wenig Lust haben, ihre Errungenschaften auf dem Altar einer irakischen Einheit zu opfern - umso mehr, als noch nicht abzusehen ist, wie das politische System des zukünftigen Irak aussehen wird -, ist ebenfalls einzusehen.

Die Nachbarn des Irak mit ihren kurdischen Minderheiten sehen die Entwicklung mit Sorge, gebetsmühlenartig wiederholen sie die Forderung nach der territorialen Integrität des Irak. Zu Hilfe kommt ihnen aber nur, dass durch ein Zerbrechen des Irak der "Schurkenstaat" Iran unverhältnismäßig gestärkt würde - weshalb sich die USA nicht damit abfänden - noch nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.1.2004)

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