"Wie hilft sich eine Gehörlose beim Frauenarzt?"

8. Jänner 2004, 11:47
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Grazer Frauen-Gesundheits- Zentrum startet Vortragsreihe zu Behinderung und Geschlecht

Graz - Menschen mit Behinderung gelten häufig als "geschlechtslose Wesen": Das Grazer Frauengesundheitszentrum (FGZ) startet nun eine Vortragsreihe, in der speziell die Bedeutung der Geschlechtlichkeit für behinderte Frauen zur Sprache gebracht werden soll. Der erste Diskussionsabend zum Thema "Menschen mit Behinderung sind Frauen und Männer" findet bereits am kommenden Donnerstag (8. Jänner) im Grazer Ausbildungszentrum für Sozialberufe der Caritas statt.

Aspekt des Geschlechts fehlt

In der öffentlichen Diskussion zum Thema "Behinderung" fehle der Aspekt des Geschlechts bisher nahezu vollkommen, so Sylvia Groth, Geschäftsführerin des Frauengesundheitszentrums in Graz. "Ziel ist die Sensibilisierung für die Bedeutung, die die Geschlechtlichkeit für behinderte Frauen und Männer als Teil ihrer Identität hat", so die Medizinsoziologin.

Im Gesundheitszentrum selbst bemüht man sich schon seit längerer Zeit, das Angebot für Frauen mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen zugänglich zu machen. "Was macht eine Gehörlose, wenn sie zur/zum FrauenärztIn geht?", so Groth. Im Frauengesundheitszentrum organisiert man beispielsweise eine entsprechende Gebärdensprachedolmetscherin bzw. führt nach dem ÄrztInnen-Besuch mit Dolmetscherinnen Beratungen durch. Die Räumlichkeiten sind nun auch mit dem Rollstuhl zugänglich.

Im ersten Vortragsblock bis Februar sollen vor allen Dingen die Bereiche Ausbildung, Arbeitswelt und Wohnsituation zum Thema gemacht werden. Von März bis Juni will man dann stärker den mit der Sexualität zusammenhängenden Fragen nachgehen, so Groth.

Behinderte Frauen am Arbeitsmarkt

"Wo sind sie?" - die schwer behinderten Frauen, die nicht in den Arbeitsmarkt integriert sind, aber auch nicht die Beschäftigungsmaßnahmen diverser Behinderteninstitutionen in Anspruch nehmen, fragt sich Regina Senarclens de Grancy, Geschäftsführerin der "Chance B". Sie hat ein geschlechtsspezifisches Ungleichgewicht festgestellt: "Unsere Angebote werden zu drei Viertel von Männern genutzt", so de Grancy. "Wir vermuten, dass behinderte Frauen stärker als Männer oft jahrelang einfach daheim leben und zu Hause Arbeiten machen, 'die halt so anfallen' ", erklärte die "Chance B"-Geschäftsführerin. Sie wird am Donnerstag ihre strukturellen und pädagogischen Betrachtungen zum Unsichtbarwerden von Frauen mit Behinderung vortragen.

Wie Multiplikatoren Frauen mit geistiger Behinderung auf ihrem Weg in die Berufswelt begleiten können, wird die Tübinger Soziologin Elke Schön am 29. Jänner skizzieren. Die Möglichkeiten des selbstbestimmten Wohnens von behinderten Frauen stehen am 12. Februar am Programm. (APA)

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