Umarmung nach Streit um Antisemitismus in der EU

10. Jänner 2004, 12:23
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Versöhnliche Geste nach Brüsseler Treffen von Kommissionschef Prodi und WJC-Singer

Mit einer demonstrativen Umarmung beendeten EU-Kommissionspräsident Romano Prodi und Israel Singer, der Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses (World Jewish Congress, WJC), am Donnerstag den kurzfristig anberaumten Besuch des New Yorkers in der EU-Hauptstadt. Das Treffen sollte nach den jüngsten Vorwürfen von WJC-Präsident Edgar Bronfman gegen die EU-Kommission die Wogen glätten. Das zunächst in Reaktion darauf abgesagte Antisemitismus-Seminar soll nun doch stattfinden.

"Die Zusammenarbeit ist auf der Grundlage von vollständigem gegenseitigem Vertrauen wiederhergestellt", verkündete Prodi in der gemeinsamen Pressekonferenz mit Singer. Auch dieser sprach von "vollem Vertrauen". Der WJC-Generalsekretär war am Donnerstag überraschend nach Brüssel angereist, um nach einem Artikel seines Präsidenten und des Chefs des European Jewish Congress, Cobi Benatoff, für Entspannung zu sorgen. Ausdrücklich zurücknehmen wollte Singer deren umstrittene Äußerungen aber nicht.

Bronfman und Benatoff hatten in dem Text am Wochenende der EU-Kommission vorgeworfen, Antisemitismus aktiv und passiv zu fördern. Sie kritisierten, dass die Kommission eine Umfrage veröffentlicht habe, in der 59 Prozent der Europäer Israel als "größte Gefahr für den Weltfrieden" bezeichnen. Zudem warfen Bronfman und Benatoff der EU-Behörde vor, einen Bericht der Wiener EU-Beobachtungsstelle für Rassismus unterdrückt zu haben, in dem Muslime als Hauptverdächtige für antijüdische Übergriffe in der EU identifiziert werden.

Seminarpolitik

Prodi hatte zunächst auf die Äußerungen Bronfmans und Benatoffs mit der Suspendierung der Vorbereitungen eines gemeinsamen EU-Seminars gegen Antisemitismus im Februar reagiert, das nun doch stattfinden soll. Noch am Mittwoch hatte Italiens Außenminister Franco Frattini versucht, die Situation zulasten des innenpolitischen Gegenspielers Prodi auszunutzen, und eine Organisation des Seminars durch die italienische Regierung angeboten.

Prodi selbst zwang am Donnerstag seinen Besucher Singer, der betont hatte, dass sich jeder Bürger in Europa sicher fühlen müsse, zu einem gequälten Lächeln: "Keine Sorge. Jeder von uns fühlt sich manchmal unsicher", scherzte der Italiener unter Hinweis auf die Briefbomben gegen ihn und andere EU-Vertreter. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.1.2004)

Jörg Wojahn aus Brüssel
Versöhnliche Geste nach Brüsseler Treffen von Kommissionschef Prodi und Israel Singer, dem Generalsekretär des World Jewish Congress. Planung für Antisemitismus-Seminar wieder aufgenommen.
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    Der Vizepräsident des Weltjudenrats, Israel Singer (Bild), beim Treffen mit Kommissionspräsident Romano Prodi: "Kritik an der Politik Israels ist zulässig und wird auch in Israel täglich von Juden geübt."

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