Das Archiv der Vorurteile

12. Jänner 2004, 12:51
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Wenn Nationalisten "historische" Werke schreiben: "Zweihundert Jahre zusammen. Die Juden in der Sowjetunion" von Alexander Solschenizyn

Alexander Solschenizyn, der zum Patrioten regredierte große Dichter, legt ein Monumentalwerk vor: "Zweihundert Jahre zusammen. Die Juden in der Sowjetunion". Nun ist es auch in Übersetzung vollständig.


Bevor auf dieses entsetzliche, aber über die gegenwärtige Ideologie in Russland wohl auch alarmierend aufschlussreiche Buch eingegangen wird, muss etwas zur einzigartigen literarischen Leistung des 1918 geborenen, 1974 ausgewiesenen und 1990 zurückgekehrten Dichters Alexander Solschenizyn gesagt werden. Es ist angesichts seiner Eskapaden schon in Vergessenheit geraten.

1968 schuf Solschenizyn mit dem Roman Krebsstation die Metapher für das Sowjetreich: eine Krankenstation in der Provinz mit Patienten aus dem gesamten Reich, voller Korruption, Menschenverachtung, Hierarchien, schlampigem Umgang mit Atomenergie (zu hohe, "rein nach Gefühl" zugeteilte Strahlendosierung etc.). Schon vor seinem - aus dem eigenen Gedächtnis als Strafgefangener und 242 Zeitzeugenberichten rekonstruierten - System des Archipel Gulag (1974), mit dem Solschenizyn fast ausschließlich identifiziert wird, hatte er hier ein Weltreich des zwanzigsten Jahrhunderts beschrieben: als korrupte Krankenstation.

Leider aber wurde der große Dichter später selbst von einem Virus befallen, demjenigen des Nationalismus. Er wurde zum Agitator: So sehr er die Sowjetunion durchschaute, so undurchdringlich bleibt ihm die Wolke "Russland", die er in Reden und jetzt auch in einem tausendseitigen Monumentalwerk aufbaut. Da muss er alles abwehren, was sein "Russland" vermeintlich bedroht. Und was bedroht es wohl am meisten?

Schon zur Zeit Dostojewskis, seit dem damaligen Konflikt der "Westler" mit den "Ostlern", ist es vor allem das Fremde, die Aufklärung von außen. Und was wäre, dem Klischee nach, fremder als das Judentum? Eben. Deshalb musste Solschenizyn tausend Seiten schreiben, über "zweihundert Jahre zusammen".

Dieser Titel hat es schon in sich: Denn wir ideologisch verformten Westler glaubten zu wissen, dass die größten Pogrome des 19. Jahrhunderts in Russland erfolgten, dass nach 1945 Stalin und seine Nachfolger einen neuen Antisemitismus implantierten (Massenentlassungen von jüdischen Akademikern etc.), und dass auch nach dem Ende der Sowjetunion, im "neuen" Russland, der Antisemitismus ein großes Problem ist.

Solschenizyn ist immer noch intelligent genug, dies zu wissen, aber genau das will er in seinem Monumentalwerk verdrängen. Und diese Verdrängung gebiert Ungeheuer: Statt angeblich intendierter "Versöhnung" bricht auf fast jeder dieser tausend Seiten der unbewältigte Antisemitismus der Straße heraus. Zur Methode dieses "historischen" Werkes einige Beispiele aus dem vor kurzem erschienen zweiten Band, der Die Juden in der Sowjetunion behandelt.

Das Etikett "Jude"

Das erste Problem für jeden Nationalisten: Wie definiere ich die anderen Nationalitäten? Solschenizyn zitiert Dutzende Definitionen von "Jude", von Lexika bis zu Stefan Zweig und Max Brod. Blöderweise (oder glücklicherweise) widersprechen sich viele "Definitionen" dabei, sodass der Autor das Etikett "Jude" dann möglichst unbestimmt lässt.

So vage die Begriffsbestimmung, so massiv aber Solschenizyns Anwendung und Ausdehnung des Vagen: Die von ihm verabscheute russische Revolution und die Jahrzehnte danach seien massiv von "Juden" getragen worden - ein antisemitischer Gemeinplatz. Solschenizyn meint ihn zu vertiefen, indem er viele Namen aufzählt, die ihm irgendwie jüdisch klingen.

Verständlich und nachvollziehbar ist es, dass Solschenizyn das sowjetische Jahrhundert hasst. Aber weil er die Russen davon weitgehend freisprechen will, sind "die Juden" daran schuld. Von wegen "zusammen": Die Juden sind für Solschenizyn schuld, die Russen unschuldig. Außerdem könnten Juden nie verzeihen - sie hätten am Zarenreich Rache nehmen wollen.

Ebenso krude wie diese Thesen ist die Methode, mit der Solschenizyn sie im Buch beweisen will: Er schuftet völlig naiv in einem riesigen Zitatensteinbruch, ohne jede Quellenkritik. Er zitiert viele negative Schilderungen - Juden als Tschekisten oder Parteifunktionäre - oft nur aus mündlichen Berichten oder aus tendenziösen Erinnerungen. Solschenizyn fragt also nie, ob Fakten in Memoirenwerken nicht tendenziös umgeschrieben sind, sondern stellt sie als unumstößlich objektiv hin. Widersprechende Erinnerungen - etwa diejenigen an die 30er-Jahre von Boris Pasternak - denunziert er dann als "unvollständige Wahrnehmung".

Oder er präsentiert objektive Fakten, stellt sie selbst aber in eine Polemik, deutet sie in seinem Sinne um. Ein Beispiel: Die Russen hätten im Zweiten Weltkrieg 27 Millionen Menschen verloren, die Juden in der Sowjetunion zwischen 1941 und 1945 aber "nur" 2, 7 Millionen. Dies zur Untermauerung der perversen These, die Juden hätten es sich immer "richten" können, die Russen nicht. Das klingt so gefährlich, wie es ist: Das Pulverfass des russischen Rechtsradikalismus, von innen. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.1.2004)

Von
Richard Reichensperger
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    Alexander Solschenizyn:
    "Zweihundert Jahre zusammen: Die Juden in der Sowjetunion", Herbig 2003.

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    Alexander Solschenizyn als eigenwilliger Historiker: Für ihn haben Juden nur aus Rachsucht die Revolution gemacht. Und - anders als die Russen - davon immer profitiert.

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