Europäische Briefbomber

6. Jänner 2004, 20:25
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Die EU wird "ernst" genommen - ein Kommentar von Jörg Wojahn

Briefbomben sind Terrorwerkzeuge, die Österreichern seit der ersten Tat von Franz Fuchs 1993 in schlechter Erinnerung sind. 2001 riefen Anthrax-Umschläge ähnliche Ängste hervor. Eine Lehre aus beiden Attentatsserien war, dass nicht nur dubiosen Briefen zu misstrauen ist, sondern auch denen, die allzu rasche Gewissheit über deren Absender verbreiten.

Anarchisten wurden in den 70er-Jahren in Italien schon einmal pauschal für Attentatsserien verantwortlich gemacht. Später stellte sich heraus, dass Rechtsradikale hinter vielen der Taten steckten. Insofern stimmt es zuversichtlich, dass nach der Serie der brennenden Briefe aus Bologna eine Sonderkommission mit Polizeiexperten nicht nur aus Italien, sondern auch aus Spanien, Griechenland, den Niederlanden, Deutschland, Belgien und Frankreich ins Leben gerufen wurde. Damit ist eine unabhängige Untersuchung gesichert. Dieser relativ rasche Rückgriff auf einen multinationalen Ansatz - den ja auch schon die Behörden Europol und Eurojust in Den Haag verkörpern - zeigt zudem, dass der europäische Gedanke auch in den Sicherheitsbehörden seine Wurzeln geschlagen hat.

Europa, seine Institutionen und seine Repräsentanten drängen sich, rein ideologisch betrachtet, beiden Extremen des politischen Spektrums als Terrorziele auf: Die einen mögen in der EU die Verkörperung einer menschenfeindlichen Globalisierung sehen, die anderen eine große Gefahr für das geliebte Vaterland. Ähnliche Emotionen zu instrumentalisieren ist leider auch gemäßigten Politikern nicht völlig fremd.

Ironischerweise betätigen sich die Briefbomber durch die Wahl ihrer Ziele in gewisser Weise selbst als Europäer: Sie nehmen die EU sozusagen ernst. Das EU-Parlament nehmen sie fast ernster als viele Wähler: Mit den Abgeordneten Pöttering, Salafranca und Titley haben die Bomber Opfer ausgesucht, die nicht einmal in ihren Heimatländern besonders bekannt sind. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 7.1.2004)

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