Georgien und der Kampf ums Öl

6. Jänner 2004, 20:17
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Saakaschwilis Armenhaus am Schnittpunkt der Interessen Russlands und der USA - von Erhard Stackl

Er wolle die sein Land auffressende Korruption bekämpfen und zu Russland wie auch den USA gute Beziehungen unterhalten, sagte Michail Saakaschwili nach seiner Wahl zum Präsidenten Georgiens. Die überwältigende Mehrheit von fast 97 Prozent lässt ihn als Erlöserfigur der geschundenen Georgier erscheinen. Die vor ihm liegenden Aufgaben sind aber so groß, dass sie auch ein erfahrenerer Politiker als der 36-jährige, in den USA ausgebildete Jurist kaum bewältigen könnte.

Interne ethnische Konflikte und gigantische Misswirtschaft habe das Land zerstört wie in einem großen Krieg. Politische Macht und Korruption, die ausländische Hilfsgelder in dunklen Kanälen versickern ließ, waren bisher stark verwoben. Auch Oppositionelle, so war zu Ende der Ära Schewardnadses in Tiflis zu erfahren, sicherten sich die finanzielle Unterstützung mafioser Elemente.

Moskau hat es dem kleinen Land an der Südflanke des Kaukasus nie verziehen, dass es sich 1991 für unabhängig erklärte - und abtrünnige Provinzen (Abchasien, Südossetien) nach Kräften unterstützt.

Die Hoffnung der neuen Regierung gilt der durch Georgien führenden Pipeline von Baku am Kaspischen Meer zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan (BTC). Durch Grundstücksablösen, Jobs und Gebühren erwarten sich die Georgier von der Pipeline, die 2005 in Betrieb geht, einen lang anhaltenden Geldregen.

Wie DER STANDARD in seiner Serie "Jagd auf schwarzes Gold" beschrieben hat, liegt hier jedoch eine neuralgische Zone des weltweiten Kampfs um Erdölressourcen.

Die BTC-Pipeline brachte - zusammen mit dem Kampf gegen den Terror (Al-Kaida-Kontakte zu Tschetschenen) - die Amerikaner ins Land. US-Berater trainieren nun die Armee von Georgien, wo es noch russische Militärstützpunkte gibt. Russland plant zudem eine Konkurrenzpipeline von Baku nach Novorossisk. Die Ölreserven im Kaspischen Meer sind zwar kleiner als erhofft, es ist aber bereits an eine Anschlussleitung der BTC ins tatsächlich enorm ölreiche Kasachstan geplant.

Das alles klingt wie das "Great Game", das geopolitische Ringen zwischen Briten und Russen um Zentralasien im 19. Jahrhundert, in dem Länder wie beim Schach herumgeschoben wurden.

Es ist zwar eine europäische Stammtischweisheit, dass hinter allen Aktionen der USA Ölinteressen stecken (auch wenn das nicht immer der Fall ist - der Wille, die Terrorgefahr zu bannen, mobilisierte eigene starke Antriebskräfte). Aber es ist auch eine Tatsache, dass die USA verstärkt von Öleinfuhren abhängig werden (derzeitiger Importanteil: 63 Prozent). Der Ölpreis liegt gegenwärtig so hoch wie schon seit Jahren nicht (was in der Eurozone wegen des niedrigen Dollars, mit dem Öl verrechnet wird, nicht so zu spüren ist). Und 40 Prozent des Weltölhandels werden weiterhin von der Opec beherrscht.

Die Wiederherstellung der Kapazitäten des Irak ist, auch wegen der vielen Sabotageakte, teurer und langwieriger als erwartet. (Die von US-Truppen bewachte Pipeline von Kirkuk nach Ceyhan soll im März in Betrieb gehen.)

Und: Europäer, Japaner und zunehmend auch Chinesen wetteifern ebenfalls und weltweit um Lieferverträge mit neuen Fördergebieten. Dass es nicht erst heute bis zum Krieg kommen kann, wenn es um Ölinteressen geht, beweisen bisher geheime Dokumente, die soeben in London (wie dort dreißig Jahre nach der Abfassung üblich) frei gegeben worden sind.

Nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 verhängten die arabischen Opec-Länder ein Ölembargo gegen die Unterstützer Israels, was zu rasanten Preisanstiegen führte. Damals, so berichtete der britische Botschafter in Washington seiner Regierung, habe US-Präsident Richard Nixon ernsthaft und ohne Absprache mit den Verbündeten eine militärische Besetzung der Ölfelder Saudi-Arabiens, Kuwaits und Abu Dhabis überlegt. Abgehalten habe ihn dann aber die Einschätzung, dass eine derartige Militäroperation bis zu zehn Jahre dauern würde. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 7.1.2004)

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