Hunger, Quote, Geschäft und die Tournee

26. Dezember 2005, 11:39
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FIS-Renndirektor Walter Hofer und andere über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Skispringens

Bischofshofen - Irgendwann könnte Walter Hofer mit einer Waage von Schanze zu Schanze touren, das wird er auch noch packen. Der arme Mann hat seit 22 Jahren praktisch kein Weltcupspringen versäumt ("maximal zwei"), seit 1992 ist der 48-jährige Kärntner für die FIS tätig. Hofer hat es bis zum Renndirektor gebracht, er ist für den korrekten Ablauf verantwortlich. "Das ist manchmal heikel."

Hofer glaubt, "dass die öffentliche Darstellung unseres Sports in Ordnung ist. Wir haben eine Bühne aufgestellt, auf der die Athleten ihr Können zeigen können." Man habe am Reglement gearbeitet, eine vernünftige Wettkampfordnung erstellt. "Früher dauerten die Bewerbe endlos. Seit Jahren kommt jeder über den Vorbau, die Dichte ist enorm. Dem Wunsch nach größeren Schanzen wurde entsprochen. Das ging nicht von uns aus, es war Wille der Aktiven. Wir hören auf sie, ihr Wort und das der Trainer zählt. Die Show spielt eine Nebenrolle. Im Vordergrund steht die Tatsache, dass wir eine der gefährlichsten Sportarten sind. Das Risiko muss kalkulierbar bleiben, wir müssen noch sattelfester und professioneller werden."

Das Leiden

Hofer räumt freilich ein, "dass die Quote stimmen muss. Mit dem Einzug des Geldes ist man in der Flexibilität eingeschränkt. Aber es ist eher ein imaginärer Druck." RTL blecht dem deutschen Skiverband 75 Millionen Euro für fünf Jahre, der Vertrag mit dem ÖSV ist natürlich weit geringer dotiert, man schweigt über die Summe still. RTL-Boss Hans Mahr bekrittelte in Innsbruck lediglich Kleinigkeiten, etwa die Tatsache, dass Herr Sven Hannawald regelmäßig die Qualifikationen auslässt. "Aber man gewöhnt sich an alles." Der Quote schädlich sei vermutlich auch die Tatsache, "dass Hannawald und Martin Schmitt jetzt Freundinnen haben. Sie waren ja Teeniestars."

Die Diskussion über magersüchtige Springer bringe den Sport, so Mahr, gewiss nicht um. "Die Leuten wollen ihre Helden auch leiden sehen. Abgesehen davon gibt es immer neue Helden. Sogar ein Adam Malysz taugte zum Star." Man solle dies nicht "als zynisch" interpretieren. "Es ist so."

Hofer schiebt die Verantwortung den nationalen Verbänden zu. "Sie sind für die Fitness und Gesundheit der Athleten zuständig. Wir unternehmen vom Material her alles, dass kräftigere Athleten gefördert werden. Natürlich wird das Thema medial aufgebauscht. Aber wir hinken den Entwicklungen sicher nach. Die medizinische Kommission soll Vorschläge machen." ÖSV-Teamarzt Peter Baumgartl sieht das ähnlich. "Die Waage sollte bald zur Kontrolle gehören. Organisch sind unsere Leute gesund, aber sie sind oft untergewichtig. Ich würde gerne sehen, dass jeder zumindest zwei oder drei Kilo mehr hätte." Martin Höllwarth, er zählt noch zu den athletischeren Typen, ist sich der Problematik bewusst. "Leicht fliegt halt weiter. Es stellt sich aber die Frage, wie weit man wirklich gehen muss. Hunger verdirbt die Freude, macht grantig. Irgendwann wird es sinnlos."

Die Bühne wurde noch gestern in Bischofshofen abgebaut. Am kommenden Wochenende steht sie bereits in Liberec. Hofer war mit der 52. Vierschanzentournee durchaus zufrieden. "Spannende Wettkämpfe. Die großen Entscheidungen fallen aber im Sommer. Auf der Matte gibt es immer neue Erkenntnisse. Der GP dient nicht dem Geschäft, sondern Sinn ist, korrigierend einzugreifen." Hofer glaubt das wirklich. Denn der nächste Winter kommt bestimmt. Mit oder ohne Waage. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 07.01.2004)

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    FIS-Renndirektor Walter Hofer

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