Scanner ließen brisante Post durch

9. Jänner 2004, 21:44
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EU-Parlament müht sich, Kritik zu zerstreuen - Briefe auch an Privatadressen - mit Grafik

Wer erst nach dem Dreikönigstag aus den Weihnachtsferien zur Arbeit ins EU-Parlament zurückkehrt, findet sie: die Warnhinweise in den Aufzügen und in den Büroetagen des EU-Abgeordnetenhauses in Brüssel. Die Zettel, die Abgeordnete und Angestellte auf die Gefahr durch Briefbomben aufmerksam machen sollen, wurden am Montag angebracht - nachdem im Büro des Chefs der Fraktion der Europäischen Volkspartei, Hans-Gert Pöttering (CDU), ein kleines Paket vor den Augen einer seiner Mitarbeiterinnen in Flammen aufgegangen war.

Die Sendung war schon am 22. Dezember in Bologna aufgegeben worden. Vom gleichen Ort waren seitdem bereits vier Briefbomben EU-Persönlichkeiten und -Einrichtungen zugegangen - Kommissionspräsident Romano Prodi, Zentralbankchef Jean-Claude Trichet, Europoldirektor Jürgen Storbeck und der Justizbehörde Eurojust.

Angesichts der eigentlich bekannten Bedrohungslage hatte es EU-Parlamentssprecher David Harley daher nicht leicht, Zweifel an den Sicherheitsvorkehrungen im Brüsseler Abgeordnetenhaus zu zerstreuen. Wiederholt wies er auf die "Zehntausenden von Sendungen" hin, die in den vergangenen Wochen eingegangen seien. Eine davon, adressiert an den konservativen Abgeordneten José Ignacio Salafranca aus Spanien, war immerhin am Montag rechtzeitig als Briefbombe enttarnt worden. In Manchester aber, im Heimatbüro des EU-Abgeordneten Gary Titley von der Labour-Partei, verbrannte Post aus Bologna - zum Glück gab es auch hier, wie im Büro Pöttering, keine Verletzten.

Neue Gefahr könnte drohen, wenn die EU-Abgeordneten am kommenden Montag zur monatlichen Plenarwoche in ihre Büros im Straßburger Parlamentsgebäude kommen.

Die EU-Kommission hatte nach eigenen Angaben einen Tag vor dem Parlament mit einer Warnung auf die Briefbombenserie reagiert: Ein Sprecher betonte am Dienstag, man habe schon am Sonntag in einem Rundschreiben auf die Risiken hingewiesen. In der zentralen Poststelle würden zwar alle eingehenden Sendungen gescannt. Wer aber direkt Briefe bekomme, solle sie dort vorbeischicken.

Einige EU-Kommissare, so der Sprecher, hätten zudem von dem seit längerem bestehenden Angebot Gebrauch gemacht, auch Post an ihre Privatadresse zunächst dort abzuliefern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 7.1.2004)

Jörg Wojahn aus Brüssel
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    Chronologie des Bombenterrors

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