"Lost in Translation": Neue Würde für lächerliche Gesten

15. Juli 2004, 16:02
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Sofia Coppola, für ihren "Lost in Translation" gerade mit Preisen und Nominierungen überhäuft, im STANDARD-Interview

"Lost in Translation": In den USA wird der zweite Spielfilm von Sofia Coppola gerade mit Preisen und Nominierungen überhäuft – nicht zuletzt wegen des exzellenten Darstellers Bill Murray. Bert Rebhandl sprach mit der jungen Regisseurin über einen amerikanischen Blick auf Tokio.


Wien – Ein großes Hotel in einem fremden Land ist vielleicht der ultimative Nichtort: Nirgends kann man sich so deplatziert fühlen.

Ein älterer Mann und eine junge Frau machen in Sofia Coppolas neuem Film Lost in Translation die Erfahrung einer gemeinsamen Isolierung. Bob Harris (Bill Murray) dreht Werbeaufnahmen für eine Whiskeysorte, mit der er bereits allzu stark identifiziert wird. Charlotte (Scarlett Johannsson) wird von ihrem Ehemann, einem Fotografen, vernachlässigt.

Beide sind kulturell unterschieden von ihren japanischen Gastgebern, aber auch emotional distanziert von ihren Lebensgefährten. Also bewegen sie sich aufeinander zu, mit allem Respekt, den zwei so introvertierte Schauspieler nahe legen, und mit aller gebotenen Vorsicht, die in einer Komödie angebracht ist, die nicht zwischen schlagenden Türen und Pointen spielt, sondern in schalldichten Aufzügen und in einem Reich der Zeichen, deren Unlesbarkeit gerade nicht die große Freiheit provoziert.


STANDARD: Sie zeigen Japan als eine fremde und seltsame Welt, aber ganz offensichtlich aus langer, eigener Anschauung. Wann waren Sie zum ersten Mal in diesem Land?

Coppola: Ich kam schon als Kind hin. Die für den Film prägenden Erfahrungen machte ich jedoch, als ich vor einiger Zeit dort war, um eine Modeschau zu produzieren, für ein Magazin namens Dune. Viele Situationen im Film haben sich genauso tatsächlich zugetragen, einige der Darsteller waren damals dabei. Wir haben die Erfahrung des Aufenthalts in einem Hotel nicht nur zum Ausgangspunkt genommen, wir haben auch Leute besetzt, die dort arbeiten.

STANDARD: Zum Beispiel?

Coppola: Die Sängerin in der Jazzbar hat einfach ihren Job gemacht, mit allem, was sich daraus ergibt. Sie ist inzwischen in Australien, soviel ich weiß. Mich hat interessiert, wie diese Bars auf der ganzen Welt gleich sind. Sie wollen immer wie New York wirken.

STANDARD: In diese Situation gerät ein Mann, der für ein typisches Bargetränk wirbt.

Coppola: Genau. Er ist irgendwie nicht dort angekommen, wo er einmal hinwollte. Er ist ein anonymer Star. Lost in Translation handelt von einer Midlife-Krise in Tokio. Der Ort trägt zur Konfusion bei, aber er erleichtert auch manche Geste, die daheim lächerlich wirken würde, hier aber eine spezielle Würde bekommt.

STANDARD: War es einfach, Bill Murray für diese Rolle zu gewinnen?

Coppola: Nicht ganz. Er macht sich rar. Man findet ihn nicht so leicht. Aber mit etwas Hartnäckigkeit haben wir ihn über seinen Agenten dazu gebracht, das Script zu lesen. Dann war alles klar.

STANDARD: Wie verhält er sich während der Dreharbeiten? Ist er schwierig?

Coppola: Überhaupt nicht. Er ist auch in den Pausen sehr witzig, und vor allem: Er war sehr neugierig auf Japan.

STANDARD: Es gibt eine großartige Szene in einer Karaoke-Bar, während der er in die Rolle von Bryan Ferry schlüpft. Stand das schon im Drehbuch?

Coppola: Das war ein reiner Glücksfall. Wir fanden die Nummer More Than This im Computer der Bar, in der wir drehten. Daran führte kein Weg vorbei, und glücklicherweise konnten wir hinterher die Rechte dafür erwerben.

STANDARD: Die Szene ist auch bedeutsam für jene zweite Heimat, die in der Popkultur liegt, für all das, was nicht bei der Übersetzung verloren geht.

Coppola: Das stimmt allerdings nur, solange man nicht zu viel davon hat. Und Tokio ist eine Popexplosion.

STANDARD: Wodurch der Film sich an der Frage des richtigen Maßes entscheidet. Ihre Darstellung des japanischen Alltags erschien einigen Kritikern allzu überzeichnet. Worauf haben Sie geachtet, um in den satirischen Passagen den richtigen Ton zu treffen?

Coppola: Ich habe nur versucht, es so zu zeigen, wie es sich anfühlt. Mir ging es überhaupt nicht um Satire. Ich habe ein Faible dafür, mit Details zu arbeiten. Mir kam es vor, als würde ich Tokio ständig neu entdecken.

STANDARD: Ja, aber vielleicht findet man das verrückte Tokio ein wenig zu schnell?

Coppola: Es ist allgegenwärtig. Ich entkomme ihm nicht. Zum Beispiel haben wir eine Szene in einer TV-Show, in der nichts erfunden ist. Genauso sieht diese Sendung aus, wir haben nur Murrays stoische Präsenz hinzugefügt und hatten die idealen Energien.

STANDARD: Schon Ihr erster Film The Virgin Suicides hat eher von Stimmungen gelebt als von einer Geschichte. Auch Lost in Translation“ wirkt manchmal wie aus dem Geist dem Ambient geboren.

Coppola: Na ja, dafür gibt es aber auch große Vorbilder. Erinnern Sie sich an La Notte von Antonioni? Was ist da die Geschichte? Ich will nicht sagen, dass ich dort weitermachen will, aber es gibt auf jeden Fall die Freiheit, einfach einer Figur, einer Stimmung zu folgen, ohne dass immer gleich jemand mit einer Pistole um die Ecke kommen muss.

STANDARD: Haben Sie sich auch mit dem japanischen Kino beschäftigt, um auch die andere Seite, den heimischen Blick auf Tokio kennen zu lernen?

Coppola: Nein, das habe ich bewusst nicht getan, um mir meinen Blick nicht zu verstellen. Ich bin eine Amerikanerin, das ist meine Perspektive, und von da kommt der Film.

STANDARD: Mit Roland Barthes haben Sie sich aber vielleicht doch beschäftigt, dessen Aufenthalt in Japan ganz ähnliche Erfahrungen brachte, die in Lost in Translation auftauchen – mit dem Unterschied, dass er daraus einen Klassiker der Theorie verfertigt hat?

Coppola: Ich hatte nicht die Geduld, das Buch zu lesen. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.1.2004)

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    Sofia Coppola, hier Anfang Dezember mit Bill Murray in Rom bei der Werbetour für 'Lost in Translation'

  • Scarlett Johanssen als junge Frau zwischen  Fotografen-Gatten und Fotomotiv
    foto: constantin

    Scarlett Johanssen als junge Frau zwischen Fotografen-Gatten und Fotomotiv

  • Bill Murray als  Whisky-Vermarkter in ungewohnter Medienlandschaft
    foto: constantin

    Bill Murray als Whisky-Vermarkter in ungewohnter Medienlandschaft

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    Sofia Coppola , geboren 1971, trat 1999 mit ihrem ersten Spielfilm The Virgin Suicides aus dem Schatten ihres Vaters Francis Ford Coppola, in dessen Peggy Sue Got Married (1986) sowie the Godfather III (1990) sie auch als Schauspielerin aufgetreten war (in Godfather II war sie 1972 als Baby zu sehen gewesen). In den Neunzigerjahren arbeitete sie überwiegend als Modefotografin, Stylistin und Kostümdesignerin. Mit Lost in Translation, ihrem zweiten Spielfilm, zieht sie eine Synthese aus Popkultur und Kino. (reb)

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