"Schmiergeld-Republik 2004"

15. Jänner 2004, 14:58
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Seit Weihnachten erschüttert die Paramalat-Pleite Italien und erinnert viele an die Korruptionsskandale zu Beginn der neunziger Jahre

Rom - Lange, sehr lange hat der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi zum Parmalat-Skandal geschwiegen. Eigenartig, schließlich versteht der Erfolgs-Unternehmer und Medien-Mann Berlusconi ja etwas von Wirtschaft.

Seit Weihnachten erschüttert die betrügerische Pleite des Lebensmittel-Riesen das Land und beeinträchtigt den Wirtschafts-Standort Italien - und der Regierungschef taucht in seine Luxus-Villa auf Sardinien ab.

Kavaliersdelikt

"Schmiergeld-Republik 2004" kommentiert eine Zeitung mit böser Zunge den Skandal - neben sinkenden Umfragewerten, Wirtschaftskrise und Unruhe in der Koalition droht weitere Unbill für den Premier. Reihenweise erinnern Kommentatoren in Rom dieser Tage daran, dass es einer der ersten Amtshandlungen Berlusconis nach seiner Wahl 2001 war, ausgerechnet die Kriterien und Strafen für Bilanzfälschungen zu verwässern. Geradezu zu einem "Kavaliersdelikt" sei das Tricksen der Unternehmer beim Geldzählen geworden.

Da wirkt es eigenartig und hilflos, wenn Berlusconi jetzt, nach langem Schweigen, schärfere Kontrollen in der Finanzwelt fordert. Ziel sei es, "das Vertrauen in unser (Finanz-)System wieder zu gewinnen", meint der Ministerpräsident, der selbst ein halbes Dutzend Prozesse unter anderem wegen Bilanzfälschung, schwarzer Kassen und Bestechung "erfolgreich" hinter sich gebracht hat.

In einem Land, das seine Großunternehmer mit globaler Reichweite an ein oder zwei Händen abzählen kann, ist der Absturz des Milch-Riesen aus Parma alles andere als ein Kavaliersdelikt,

Absurdes Theater

Wie absurdes Theater mutet die Suche nach den verschwundenen acht bis 13 Mrd. Euro an: Da bietet der Hauptverdächtige, der bisherige Parmalat-Chef Calisto Tanzi, gar sein persönliches Vermögen samt zweier Luxusjachten zur Firmenrettung an. Wütende Antwort des Insolvenzverwalters: "Ich will keine Schiffe, ich will wissen, wo das verschwundene Geld ist."

"Das Risiko Italien", kommentiert die Zeitung "La Repubblica" den Skandal. "Zusammenbruch, Korruption und (mangelnde) Transparenz: Ein Albtraum für das Land."

Tatsächlich müssten Berlusconi, die Regierung und heimische Wirtschaft fürchten, dass ausländische Investoren vor den "italienischen Verhältnissen" zurückschrecken. Und Berlusconi habe mit seinen "maßgeschneiderten" Gesetzen nicht gerade zur Vertrauensbildung beigetragen.

Abstieg in die "zweite Liga"

Schon sehen Experten und Medien die Gefahr, dass Italien in die "zweite Liga" der Wirtschaftsnationen absteigt. Bisher versuchen sich Wirtschaftsminister Giulio Tremonti und Zentralbank-Chef Antonio Fazio gegenseitig Mitschuld zuzuschieben - irgendjemand müsse ja von den Machenschaften im "Milchsumpf" gewusst haben.

Vor gerade mal einem Jahrzehnt versank die italienische "Schmiergeld-Republik" im Strudel der Parteien-Korruption, schreibt ein Polit-Magazin. "Jetzt gibt es die Furcht, dass sich ein dunkles Kapitel im finanziellen und industriellen System öffnet." (APA/dpa)

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