EU-Taskforce gegen Briefbomber

Redaktion, 08. Jänner 2004 09:34

Eine multinationale Sonderkommission ermittelt nach Bekennerschreiben gegen anarchistische Kreise in Italien

Nach den jüngsten Briefbomben an mehrere Abgeordnete des Europäischen Parlaments soll jetzt eine multinationale Ermittlungsgruppe die Täter ausforschen. Darauf einigten sich die Fahnder aus den betroffenen Ländern am Montag in Rom. Italien wird den Vorsitz dieser Taskforce übernehmen, die in zwei Monaten einen präzisen Lagebericht mit konkreten Empfehlungen an die EU-Mitgliedsstaaten vorlegen soll. Geleitet wird die Ermittlungsgruppe vom Chef der italienischen Antiterroreinheit, Gianni Luperini. Ihr gehören Terrorfahnder aus Italien, Griechenland, Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Deutschland an. In zehn Tagen soll ein weiteres Treffen stattfinden.

Der Staatsanwalt von Bologna, Enrico Di Nicola, äußerte am Rande des römischen Treffens die Überzeugung, dass "mit einer Beruhigung der Lage zu rechnen" sei. "Die Täter haben mit minimalem Einsatz ein Maximum an Aufmerksamkeit erreicht. Jede Überbewertung ihrer Aktionen wäre falsch", erklärte Di Nicola. "Unsere Ermittlungen konzentrieren sich auf rund 20 Personen, deren Namen uns bekannt sind. Sie sind Einzelgänger und gehören keiner Organisation an. Unter ihnen vermuten wir auch den Absender der Briefbomben."

Doch die Aufmerksamkeit der Fahnder richtet sich auch auf Sardinien. Denn die an Romano Prodi gesandte Briefbombe ist identisch mit jener, die im Juli 2002 in der Redaktion der Zeitung L'Unione Sarda in Cagliari explodierte. "Das Buch, die 9-Volt-Batterie und die Bauart der Bombe waren dieselben", erklärt der sardische Staatsanwalt Carlo Piana, der von "drei aktiven Zellen auf der Insel" spricht.

Im Visier der Ermittler befinden sich zwei Organisationen: Europposition, eine lose Bewegung antiimperialistischer und autonomer Gruppen und die Federazione Anarchica Informale (FAI, Informelle Anarchische Föderation). Beide haben sich zu einem Teil der fast 70 Anschläge bekannt, die in den vergangenen Jahren in Italien verübt wurden. Sie richteten sich gegen so unterschiedliche Ziele wie den Sitz der Region Sardinien oder Büros der spanischen Fluggesellschaft Iberia. Während Europposition marxistische Wurzeln aufweist, versteht sich die Federazione Anarchica Informale als "antiautoritäre und anarchistische Bewegung". Ihr gehören vier Gruppen an, die Bezeichnungen wie "Brigade 20. Juli" oder "Internationale Solidarität" tragen.

Der Mailänder Staatsanwalt Stefano Dambruoso spricht von einem "internationalen Netzwerk mit Schwerpunkten in Italien, Spanien und Griechenland. Ihre Plattform ist das Internet, wo sie zu militanten Formen des zivilen Ungehorsams aufrufen." Vor allem in Athen haben die Fahnder angesichts der bevorstehenden Olympischen Spiele ihre Ermittlungen intensiviert. "Es war höchste Zeit, eine internationale Taskforce einzusetzen", so der sardische Staatsanwalt Carlo Piana. Ein unkoordiniertes Vorgehen der einzelnen Länder sei "anachronistisch".

Neue Gesetze

Dambruoso verweist auf die Probleme der Ermittler. Es gebe Hunderte kleiner und kleinster Gruppen - von militanten Tierschützern bis zu korsischen Separatisten. Viele Mitglieder dieser Szene seien "extrem mobil" und hätten oft keinen ständigen Wohnsitz. "In diesem Archipel wächst die Gewaltbereitschaft", so Dambruoso. Die Strafverfolgung sei auch deshalb problematisch, weil die vom Gesetz verfolgte Bildung einer Terrororganisation auf diese Gruppen nicht zutreffe. Dambruso: "Wir benötigen neue Gesetze, die dieser Entwicklung Rechnung tragen." Auch die handwerkliche Bauweise der Briefbomben erschwert konkrete Fahndungserfolge.

"Diese Umschläge enthalten keinen Sprengstoff, sondern nur eine brennbare Substanz, die beim Öffnen eine Stichflamme auslöst", erklärte der Sprengstoffexperte Antonio Ugolini. "Solche Briefbomben kann jeder mühelos zu Hause herstellen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 7.1.2004)

Gerhard Mumelter aus Rom
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