Tiere im Schlaf

13. Jänner 2004, 11:38
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T. fühlte sich abgezockt. Unter einer Nachtführung durch den Tiergarten Schönbrunn habe er sich was anderes vorgestellt..

Er überlege, meinte T., sich zu beschweren. Schließlich wären 15 Euro zwar nicht so wahnsinnig viel mehr als der normale Eintrittspreis, aber doch auch eine erkleckliche Summe Geldes. Und für dieses, ärgerte sich T., hätte er sich schon ein bisserl mehr erwartet. Mehr jedenfalls als unscharf-schwarz und unscharf-dunkelgrau flimmernde Flecken, die ihm von der Führerin als Tiere, die eben gerade schliefen, verkauft worden seien. Das unscharf-dunkelgraue, sagte T., habe die Füherin erklärt, seien im übrigen Steine, Bäume oder sonstige Gehege-Dekoteile.

Zu allem Überdruss, schnnaubte T., habe sich gegen Ende der Veranstaltung auch noch der ohnehin nicht all zu aufregende Unterschied zwischen schwarzen, grauen und grünen Flächen und Flecken zusehends aufgelöst: Die Nachtsichtgeräte seien wohl auch müde gewesen. Kurz gesagt, sagte T., fühle er sich abgezockt. Und - im wahrsten Sinne des Wortes - hinters Licht geführt: Unter einer Nachtführung durch den Tiergarten Schönbrunn habe er sich ein bisserl was anderes vorgestellt. Und wieso wir, A. und ich., seit unserem Spaziergang durch den schlafenden Zoo da so fröhlich das Gegenteil von dem erzählten, was er erlebt habe, verstünde er nicht. Mehr noch: Er sei, sagte T., geneigt zu glauben, dass man uns etwas anderes gezeigt habe, als ihm. Vermutlich, weil man im Tiergarten die schlechte öffentliche Nachrede gefürchtet habe.

Flamingo im Dunkeln

Wir hätten doch, versuchte A. den empörten und enttäuschten Nachtwanderer zu beruhigen, aber doch im Grunde nicht viel anderes gesehen als er: Mit das Restlicht der Hietzinger Nacht verstärkenden Nachtsichtgeräten ausgerüstet, waren wir in einer Gruppe von 15 Leuten eineinhalb Stunden zwischen den Käfigen und Gehegen des Zoos herumgewandert und hatten - da gab A. T. völlig recht - streng genommen natürlich weit weniger gesehen, als wenn wir tagsüber, bewaffnet mit Nichten und Neffen und zwischen tausendundeiner anderen Kleinfamilie, von den Elefanten zu den Flamingos, von den Pandas zu den Pinguinen und dann noch von den Kamelen zu den Quallen geschlendert wären. Weil man erstens - richtig - in der Nacht eben weniger sähe, zweitens viele Tiere halt doch einfach nur schliefen und, drittens, die geführte Tour ja auch gar nicht den Anspruch erhoben habe, uns den ganzen Zoo zu zeigen.

Außerdem, meinte A., müsse doch auch T. klar sein, dass die Tiergartenmenschen wohl nicht ohne Grund immer erklärten, dass es eben keine Garantie gebe, die Tiere in wilder Action zu erleben - und weil ein Zoo kein Zirkus sei wäre es wohl ein bisserl bizarr, wenn man das zu bestaunende Getier für eine Handvoll Besucher mit Pauken und Tschinellen aufscheuchen würde. Sie jedenfalls, so A., habe es sehr genossen, ruhende - und sogar schnarchende - Robben zu sehen. Oder Menschenaffen, die sich in ihren Bäumen aneinander kuschelten und deren Schwänze wie ein plüschiger Lianenwald in der Nachtluft gebaumelt hätten. Sie habe sich darüber gefreut, dass ihr die Flughunde im Nilpferdhaus um die Ohren gesaust waren, während die Hippos als matte Bergmassive im Hintergrund leise schmatzend schlummerten.

Fußbodenheizung

Und auch dass die großen sibirischen Tiger so gar nicht raub- sondern eher zimmerkatzenlike die Vorzüge der Fußbodenheizung in ihrem Haus mit wohligem am-Boden-Gerekel genossen hätten, sagte A., habe sie ebenso wie die irgendwo am Tirolerhof zwischen den Bäumen schlummernden Wölfe eher als Positivum denn als Enttäuschung erlebt: Nicht nur, weil sie Wildtiere ausgenommen im Fernsehen bisher noch nie so von Menschen unbelagert und dementsprechend - so weit sie das als Laiin bewerten konnte - entspannt gesehen habe, sondern auch, weil allein die Nacht dem Tiergarten eine ganz andere Atmosphäre und Aura verliehen habe, als jene, die dem kaiserlich-königlichen Rummelplatz mit Käfigen tagsüber anhafte.

T., meinte A., möge sich also ein bisserl entspannen und vor allem seine Erwartungen herunterschrauben: Nicht einmal wenn er sich für weit mehr als 15 Euro in der echten afrikanischen Savanne, im asiatischen Ur- oder im süamerikansichen Regenwald die Teilnahme an einer echten Safari kaufe, könne oder würde ihm irgendjemand garantieren, all jene Tiere, die er im Prospekt von Angesicht zu Angesicht bewundern könne, auch tatsächlich und so wie er es ja schließlich auch kenne closeup zu erleben. Dafür genüge es, wenn er sich tagsüber unter die Menschenmenge mische, die im Tiergarten spazieren gehe.

Oder fernsehen

Im Übrigen, schloss A. ihre Predigt, könne T. ganz beruhigt sein, dass wir keine Sonderbehandlung genossen hätten: Auch am Ende unserer Führung habe ein junger Mann mit einiger Enttäuschung erklärt, er hätte aber doch erwartet, mehr Tiere und mehr Action geboten zu bekommen. Sein Freund, so A., habe daraufhin die einzig richtige Antwort gegeben: Dann müsse er in Zukunft eben zu Hause bleiben und fernsehen. Weil nur dort das Leben wirklich immer so sei, wie es im Fernsehen gezeigt werde.

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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