Anatomie eines Phantoms

5. Jänner 2004, 13:09
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Was der Reformgeist will, ist die permanente Reform - Von Konrad Paul Liessmann - Teil 4

Die permanente Reform hält die Menschen auf Trab und hindert sie daran, das zu tun, was der Reformgeist angeblich von ihnen erwartet.


Als nächstes widmet sich der Reformgeist der Reform der Rechtschreibung. Das Resultat: Keine Verbesserungen, dafür jede Menge sprachlicher Unsinnigkeiten, Verlust von Präzision im Ausdruck, Einebnung sprachlicher Nuancen, Zunahme der Beliebigkeit. Aber man war modern, man hat reformiert und man hat daran verdient.

Schließlich entwickelt der Reformgeist auch seine eigene Sprache. Neben den unvermeidlichen Anglizismen sind seine Lieblingsworte: Flexibilisieren, Auslagern, Aufteilen und Wettbewerb. Spricht er von sich selbst, also von Reformen, dann immer nur im Zusammenhang mit "einschneidend" und "schmerzhaft". Dass sich angesichts dieses Vokabulars bei vielen Menschen nicht die rechte Lebens- und Konsumfreude einstellen mag, nicht einmal zur Weihnachtszeit, müsste zumindest dem psychologisch geschulten Adepten des Reformgeistes plausibel sein.

Aber der Anblick von flexibel gemachten Menschen, die sich gegenseitig im globalen Wettbewerb fast zu Tode hetzen, ohne so recht zu wissen, warum und wofür, muss zu viel Faszinationskraft besitzen, als dass der Reformgeist lang darüber räsonierte, ob womöglich er selbst die Wurzel jenes Defätismus darstellt, den er regelmäßig an den Menschen rügt. Im rhetorischen Arsenal des Reformgeistes steht deshalb auch die Drohung an erster Stelle: Wenn nicht sofort ..., dann...- dies ist die Grundstruktur seiner Rede: Wenn wir nicht sofort sparen, länger arbeiten, flexibler und innovationsfreudiger werden, unsere Ansprüche zurückschrauben, aber trotzdem den Konsum ankurbeln, ohne uns dabei zu verschulden, dann werden die anderen schneller sein, wird's mit dem Wohlstand bergab gehen, werden die Sozialleistungen nicht mehr finanziert werden können - und am Ende kommen schon wieder die Chinesen.

Wohl redet der Reformgeist gerne vom Individuum und seiner Verantwortung, im Grunde seines Herzens ist er aber Determinist und zutiefst davon überzeugt, dass die Strukturen alles bestimmen. Am liebsten betreibt er deshalb Strukturreformen und findet nichts so widerlich als Strukturkonservativismus. Alles wird schlagartig besser, wenn die Strukturen einer Institution liquidiert werden und sich die haltlos gewordenen Individuen endlich so flexibel verhalten wie es ihnen der Reformgeist vorschreibt. Dass der Sinn von Institutionen gerade darin liegt, verlässliche Rahmenbedingungen für unterschiedliche Handlungsweisen anzubieten, will der Reformgeist nicht akzeptieren. Fast scheint es so, als schnitte sich der Reformgeist mit solchen Dauerreformen ins eigene Fleisch. Aber der Schein trügt. Der Reformgeist weiß schon, was er will.

Was der Reformgeist will, ist die permanente Reform. Das hält die Menschen auf Trab und hindert sie daran, das zu tun, was der Reformgeist angeblich von ihnen erwartet. Die Universitätsreform ist dafür ein gutes Beispiel. Wer das Glück hatte, die letzten 15 Jahre an einer österreichischen Universität zu lehren, war 10 Jahre davon mit der Universitätsreform beschäftigt. Zuerst hielt das UOG 93 alle in Atem, nachdem es endlich an den Unis, wie man so schön sagte, implantiert war - in Wien im Jahre 2000 -, musste es nach zwei Jahren natürlich gründlich reformiert werden, ohne dass irgendjemand überprüft hätte, was tatsächlich nicht funktioniert und deshalb verbessert werden könnte, aber (siehe oben): Eine Reform um der Reform willen braucht keine Gründe. Also werden Wissenschaftler dafür bezahlt, permanent eine Institution zu reformieren, anstatt ihre Energie in Lehre und Forschung zu stecken; gleichzeitig wird ihnen aber vorgehalten, zu wenig Energie in Lehre und Forschung zu stecken, weshalb die Universität dringend reformiert werden muss und so weiter. Der Reformgeist stellt so ironischerweise Leo Trotzkis Phantasma der permanenten Revolution auf seiner Schwundstufe dar. Es wäre kein Wunder, wenn einige der Reformgeistanbeter in einem anderen Leben Trotzkisten gewesen wären.

Wie auch immer: Hauptsache, es gibt keinen Stillstand und keine Stille. Der Reformgeist ist ein Poltergeist, der durch seine Geräuschentwicklung das übertonen muss, was er tatsächlich tut. Der Reformgeist spricht zwar so häufig wie kein Geist vor ihm von Zukunft - lieber: future - und schielt doch immer wieder nach der Vergangenheit: Das waren noch Zeiten, als es keine Mindestlöhne, keinen Kündigungsschutz, keine rechtsstaatlichen Verhältnisse und Lebensarbeitszeiten bis kurz vor den Tod gab. Die Reise zurück in jene Zeiten, in denen es auch von flachen Hierarchien und monokratischen Organen nur so wimmelte, als heroisches Annehmen der Herausforderung der Zukunft - challenge sagt der Geist - darzustellen, war und ist eine rhetorische Meisterleistung.

Der Reformgeist kann keine Fehler machen. Was immer auch misslingt, ist ja nur Anlass für eine neue Reform. Man kann geradezu sagen, dass ein gelungene Reform für den Reformgeist einen Selbstwiderspruch darstellt. Denn dann gäbe es nichts mehr zu reformieren - und das kann nicht sein. Nehmen wir einmal die Schulreform. Vor wenigen Jahren noch hieß das Reformzauberwort wie überall auch hier: Autonomie. Jede Schule bildet sich ihr autonomes Profil und stellt sich mit zu Managern mutierten Schulleitern dem beinharten Wettbewerb um die Herzen der Schüler, die Spenden der Eltern und die Werbetafeln der Sponsoren. Wer damals darauf aufmerksam machte, dass dabei verbindliche Unterrichtsziele, auf die etwa Universitäten oder Arbeitgeber vertrauen könnten, auf der Strecke bleiben würden, musste sich als Feind des Wettbewerbs und Reformbremser denunzieren lassen.

Dann kam Pisa. Und nun war klar, dass nichts wichtiger war, als den ach so autonomen Schulen jene allgemein verbindlichen Leistungsstandards mit viel Aufwand wieder zu diktieren, die man vorher mit großem Reformgeschrei demontiert hatte. Aber wie immer war dieser Prozess kein Leerlauf. Denn die Profiteure warten schon: Die privaten Akkreditierungsunternehmen, die in naher Zukunft europaweit Schulen und Unis testen und jene Zertifikate zuerkennen werden, die vor Jahren, als es noch verbindliche Lehr- und Studienpläne gab, mit jedem Zeugnis gegeben waren.

Am erfolgreichsten sind die Reformen des Reformgeistes, wenn sie das vielbeklagte Chaos erreicht haben. Denn ein wesentlicher Sinn aller Reformen besteht darin, bestehende Rechtsverhältnisse aufzulösen, altmodische Verträge durch moderne Vereinbarungen zu ersetzen, aus öffentlichen Institutionen, wie auch immer sie funktioniert haben mögen, eine Spielwiese für Interessengruppen, Klüngel und Investoren zu schaffen.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Reform des ORF. Sollte sie nach außen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und seine Programme verbessern, so wurde bald klar, dass damit die Grundlage geschaffen war, ein Fernsehprogramm so demonstrativ am untersten Niveau des Massengeschmacks auszurichten, dass die Privatisierung dieses Kanals vielen geradezu als Erlösung und Klärung der Verhältnisse erscheinen muss ... (DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2003/1.1.2004)

Der in Wien lebende Philosoph und Essayist wurde zuletzt mit dem Toleranzpreis des Österreichischen Buchhandels ausgezeichnet.

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  • An dieser Stelle gönnen wir Ihnen und uns eine Pause, damit niemand das Silvesterprogramm versäumt. Am 1. 1. können Sie ausschlafen. Und am 2. lesen Sie dann in neuer Frische in
    Teil II
    , welches politische Wollen hintern dem Wallen des Reformgeistes steckt und warum es vielleicht nur eines kleinen Schrittes bedarf, um die Welt, in der wir leben, zumindest ein wenig lebenswerter zu machen. In diesem Sinne: Prosit Neujahr. (red)
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