Das Dilemma der irakischen Ölindustrie

19. April 2005, 11:33
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Der Irak ist die letzte Station der Reise zu den Ölzentren der Welt und für die im Gang befindliche Neuordnung der exemplarische Fall

Bagdad - Nach dem Einmarsch der US-Truppen in Bagdad am 9. April 2003 wurden alle öffentlichen Gebäude geplündert. Ausgenommen das Erdölministerium, das sofort mit Stacheldraht abgesichert wurde. Seither sind dort hinter Sandsäcken mit Maschinengewehren bewaffnete Soldaten postiert. Sie überprüfen die 2000 Angestellten, die an der Reorganisation der Erdölwirtschaft des Irak arbeiten.

Einer von ihnen, der Ingenieur Nabil Lamozas, berichtet von einem Dilemma der kafkaesken Art, mit dem der Nachkriegsirak konfrontiert ist: Um das Land wirtschaftlich hochzubringen, braucht man vor allem eine verlässliche Stromversorgung. Doch zur Stromerzeugung benötigt man Erdöl. Für die Erdölverarbeitung wird wiederum Strom gebraucht (um damit die Raffinerien zu betreiben).

Die große Ungewissheit

Lamoza ist erschöpft. Da ertönt ein herzliches "Salaam Aleikum!" Ein eleganter französischer Diplomat kommt auf Stippvisite vorbei. Als ihm Lamoza bedeutet, dass er keine Zeit hat, antwortet er nur: "Macht nichts, ich komme ein anderes Mal wieder." Ohne Zweifel taucht er bald wieder auf, weil Frankreich noch im Ungewissen darüber ist, wie es bei der Verteilung des irakischen Öls aussteigen wird.

Jahrelang hatten sich die Franzosen regelmäßig im Ministerium eingefunden, wo die Firma Total Verträge über den Ausbau zweier Erdölfelder im Süden des Landes bis aufs letzte Komma aushandelte. "Zehn Jahre lang verhandelten wir mit Total", erzählt Heidar Ghazi, der der irakischen Delegation angehörte. "Mehrmals standen wir kurz vor der Vertragsunterzeichnung." Doch keine französische Regierung ging das Risiko ein, die UN-Sanktionen nach der Invasion Kuwaits 1990 zu durchbrechen.

Russische und auch chilenische Ölgesellschaften wagten sich weiter vor. Sie unterschrieben Verträge, ohne jedoch mit den Arbeiten zu beginnen. Ghazi weigert sich, Gerüchte zu bestätigen, wonach Amerikaner alle Verträge kopiert hätten, die Saddam mit ausländischen Gesellschaften abgeschlossen hatte; andere behaupten, die irakischen Erdölarchive befänden sich nun in den Panzerschränken von Halliburton in Texas.

Manche sagen, für die Verträge habe es vor dem Krieg politische Motive gegeben, vor allem jenes, die Freundschaft von Frankreich, Russland und China zu erkaufen, alle drei ständige Mitglieder des UN-Sicherheitsrates, alle drei mit Vetorecht ausgestattet. Jene hingegen, die die Verträge ausgehandelt haben, halten an deren Durchführbarkeit fest. "Wir haben gut verhandelt", verteidigt sich Ghazi. Hätte man die Verträge realisiert, wäre ein alter irakischer Traum in Erfüllung gegangen: sechs bis acht Millionen Barrel Erdöl (zu 159 Liter) täglich zu produzieren.

Aber mit dem Problem der Unterproduktion ringt der Irak schon seit dem Beginn der Ölförderung im Oktober 1927, als das Feld von Kirkuk entdeckt wurde. Man förderte eine Million Barrel pro Tag, eine bis dahin noch nie erzielte Menge; doch mangels internationaler Nachfrage verschlossen die Ölgesellschaften einige Bohrlöcher wieder. In den 30er-Jahren führte Erdölüberproduktion zu extrem niedrigen Preisen auf dem Weltmarkt. In den 50er- und 60er-Jahren stieg die irakische Produktion wieder nach und nach an, ohne jemals 2,5 Millionen Barrel pro Tag zu übersteigen. Später flachte der Krieg gegen den Iran die Kurve ab, schließlich kamen die Sanktionen.

Erhoffter Aufschwung

"Endlich ist die Zeit für uns gekommen, unser gesamtes Potenzial zu fördern", freut sich Mussab al-Dujali, den wir in Bagdad besuchen. Er gilt als einer der führenden irakischen Erdölexperten. "Der Irak fördert derzeit nur in 13 der 75 verzeichneten Ölfelder, und wir rechnen noch mit weiteren bedeutenden Ölfunden." Derzeit fördert der Irak 1,3 Millionen Barrel pro Tag, das ist die Hälfte der Vorkriegsmenge.

In der Lobby des Hotel Palestine (früher Hotel Meridien), findet man Übersetzer, die keine Fremdsprache sprechen; Chauffeure, die ihren Mercedes um 30 Dollar pro Tag vermieten, aber darüber schweigen, wie sie ihn sich unter Saddam anschaffen konnten; US-Soldaten, die vorgeben, eine Verabredung zu haben, um ihre Rückkehr in die Schlafsäle hinauszuzögern; japanische Geschäftsleute, die sich beschweren, weil es auf ihrem Stock kein Heißwasser gibt, und schließlich US-Journalisten, die es leid sind, nach Massenvernichtungswaffen zu suchen.

So leid, dass auch sie sich allmählich fragen, ob der Krieg im Grunde nicht wegen des Erdöls geführt worden ist. Ein finsterer Gedanke, den sie gleich verdrängen. Wenn es nur ums Erdöl ginge, denken sie folgerichtig, hätte die amerikanische Armee sicher nicht verabsäumt, das Gebäude von Somo zu schützen, der staatlichen Vermarktungsagentur für das irakische Erdöl, das auch geplündert wurde.

Es wurde verwüstet, aber auf eine merkwürdig auffällige Weise. In der repräsentativen Halle gibt es kein einziges zerbrochenes Fenster, auch der Springbrunnen funktioniert. Im Grunde genommen beschränken sich die Schäden auf zwei ausgebrannte Büroräume im ersten Stock. "Das kommt daher, dass die Angestellten von Somo bewaffnet sind und in der unmittelbaren Umgebung wohnen", sagt der Direktor.

Somo war die Milchkuh des Regimes. Man zeigt uns die ausgebrannten Büros, in denen angeblich der Schwarzhandel abgewickelt wurde - verbotene Erdölverkäufe außerhalb des UN-Programms "Öl gegen Nahrungsmittel". Es gab Öltransporte auf Lastwägen über das Kurdengebiet in die Türkei. Es gab welche nach Syrien, über eine Pipeline. Es gab welche in den Iran, per Schiff. Alle beweiskräftigen Unterlagen darüber sind verschwunden.

Flammen von Kirkuk

Die aufgehende Sonne konkurriert in der Ebene von Kirkuk mit Flammen, die hier emporwachsen wie anderswo Unkraut. Künstliche Flammen, die das im Erdöl enthaltene Gas im Ölfeld von Baba Gurgur verbrennen. Der Ort ist immer noch vom Krieg gegen den Iran gezeichnet.

Vor dem großen Portal, das von einem Bohrturm überbaut ist, setzen Autobusse die Angestellten der Northern Oil Company ab. Darunter ein assyrischer Christ namens Eduard. Er bringt uns zur Entgasungsstation, die er leitet. Baba Gurgur und die angeschlossenen Ölfelder liefern 600.000 Barrel pro Tag. Viel mehr, als die noch im Wiederaufbau befindlichen irakischen Raffinerien verarbeiten können. Solange also die Pipeline ins türkische Ceyhan wegen der zahlreichen Sabotageakte nicht wieder in Betrieb genommen wird, müssen täglich 300.000 Barrel in die Erde zurückgeführt werden. (Nach der eben erfolgten Aufstellung einer speziellen Bewachungstruppe soll die Ceyhan-Pipeline im kommenden März wieder in Betrieb gehen.)

"Die Amriki sind Banditen", schäumt Eduard. "Sie haben die K3-Station bombardiert, die die Pipeline nach Syrien speiste. Es war zwar Schwarzhandel, aber unter Arabern, das war legitim. Niemand hier mag hier für die Amriki, die Amerikaner, arbeiten."

Letzteren scheint das nichts auszumachen. In geblümten Hemden und Bermudas, ausgestattet mit Satellitentelefonen und Walkie-Talkies, installieren sie koreanische Klimaanlagen in den Besprechungszimmern der noblen Northern-Oil-Company-Zentrale inmitten eines üppigen Palmenhains. Es sind die Leute von KBR (Kellogg Brown & Root), einer Tochter des Riesen Halliburton, jenes Houstoner Riesenkonzerns, den Dick Cheney vor seiner Vizepräsidentschaft leitete. Am 8. März 2003, also zwei Wochen vor Kriegsbeginn, erhielt KBR von der US-Armee den Auftrag im Wert von über 490 Millionen Dollar, die Bohrlöcher nach den Feindseligkeiten wieder instand zu setzen. (Ein weiterer lukrativer Auftrag zur Versorgung der US-Streitkräfte im Irak mit Treibstoff wurde Halliburton unter dem Vorwurf überhöhter Preise vor Jahreswechsel vom Pentagon entzogen - Anm. d. Red.)

Im großen Salon des alten Ölhauptquartiers von Kirkuk bestaunt ein Texaner einen monumentalen, verschnörkelten Kamin, den er wohl für eine Geschmacksverirrung Saddam Husseins hält. Offenbar ist er mit der Geschichte des Ortes nicht ausreichend vertraut: Die Häuser wurden in den 30er-Jahren von der Iraq Petroleum Company (IPC), einem anglo-franko-amerikanischen Konsortium, in einem ausgefallenen, feudal-repräsentativen Architekturstil erbaut. Der Bauherr Calouste Gulbenkian, ein Armenier aus Konstantinopel, wurde Milliardär, indem er in jeden Vertrag eine Fünfprozentklausel für sich einbaute.

In Saddams Heimat

In Tikrit, der Heimat Saddams, kommen wir mit Mohammad Bader ins Gespräch, der in einem Café am Straßenrand sitzt, um eine Wasserpfeife zu rauchen.

Bader sagt uns, er sei Radiologe im Spital von Tikrit. Die Liste seiner Klagen über die Amerikaner ist lang. Sie hätten, ehe sie Saddam fassten, ein Cruise Missile auf ein Wohnviertel gefeuert und damit fünf Tote und 80 Verwundete verursacht, weil sie dort ein Versteck des gestürzten Diktators vermuteten. Sie seien mitten in der Nacht bei Unschuldigen eingefallen und hätten ohne viel Federlesens einen Lehrer erschossen, den sie mit ihren Taschenlampen blendeten. Sie hätten in den durchsuchten Häusern auch Geld und Wertgegenstände gestohlen.

"Als sie das Spital durchsuchten", sagt unser Gesprächspartner, "haben sie die Türen mit ihren Stiefeln eingetreten, obwohl ich ihnen die Schlüssel hinhielt. Sie patrouillieren in der Stadt, als befänden sie sich auf einem Schlachtfeld. Sie machen das mit Absicht, um uns zu erniedrigen."

Inzwischen hat sich die schwarze Nacht über die Hauptstraße von Tikrit gesenkt und die ausgeblichenen Graffitis mit Sprüchen wie "Saddam, Ruhm der Araber" oder "Iraker, wacht auf!" auf den Hauswänden vollends unlesbar gemacht.

Ein Notar, der unser Gespräch von einem Nebentisch aus mitgehört hat, lädt uns ein. "Kommen Sie doch in meinen Diwan", sagt er. Die Tür der Diwans, das sind riesige Salons, wo man ganz offen und in aller Freiheit reden kann, ist Fremden auf der Durchreise immer geöffnet. In Tikrit gibt es rund 20 davon, einen für jede Sippe.

Eine Stunde später finden wir uns auf den Kissen von Abdul Karim Moaier wieder, er ist Schneider im Basar und ein wichtiges Mitglied der Wessat-Sippe. Das Gesetz besagt, dass ein Fremder drei Tage lang in einem Diwan essen und schlafen darf, ohne dass man ihn mit einer Frage belästigen darf. Nach dem Lärm auf den Straßen, wo die Besatzungstruppen ihre Machtdemonstrationen fortsetzen, welcher Friede! Oder doch nicht? Kaum hat sich der letzte Gast niedergelassen, als zwei Explosionen ertönen, gefolgt von Maschinengewehrgeratter. Wieder ein Angriff von Aufständischen gegen amerikanische Patrouillen. Während der einen Woche, die wir hier sind, sind elf US-Soldaten zu Tode gekommen.

Abdul Karim Moaier überrascht uns mit einer ganz anderen Einstellung: "Wir müssen die Mitglieder der Baath-Partei an die Justiz ausliefern", sagt er, "denn sie haben ihre Prinzipien verraten und 30 Jahre lang gelogen. Dass die Amerikaner sich unser Erdöl nehmen, ist mir egal. Unter Saddam habe ich, mit oder ohne Erdöl, keinen Unterschied gesehen. Für die Menschen ist die Freiheit genauso notwendig wie trinken oder essen. Ich glaube, dass die Amerikaner gekommen sind, um sich unser Erdöl zu holen, aber sie werden uns dafür im Gegenzug die Freiheit geben." (Serge Michel, Serge Enderlin, DER STANDARD Printausgabe, 5./6.1.2004)

  • Über einem Ölfeld in der Nähe der irakischen Stadt Kirkuk schießen die Flammen (zur Abfackelung des Erdgases) in die Höhe wie anderswo das Unkraut

    Über einem Ölfeld in der Nähe der irakischen Stadt Kirkuk schießen die Flammen (zur Abfackelung des Erdgases) in die Höhe wie anderswo das Unkraut

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