Kühlschrank an Großhirn: Jogurt kaufen!

12. Jänner 2004, 22:29
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Mit Pervasive Computing dringt Hochtechnologie in immer mehr Bereiche des Alltags ein. Ein DER STANDARD-Interview mit Informatiker Mario Pichler

STANDARD: Befindet sich in Ihrer Küche ein Kühlschrank, der Sie warnt, wenn das Jogurt abgelaufen ist?

Pichler: Nein, dort stehen nur herkömmliche Geräte. Und das finde gut so.

STANDARD: Mit Pervasive Computing (PvC) bezeichnet man gewöhnlich den Trend, dass unser tägliches Leben immer mehr mit digitalen Informationen angereichert wird - im Extremfall eben in Form eines "sprechenden" Kühlschranks. Was ist das wirklich Neue daran?

Pichler: Dass wir weggehen vom statischen Computer hin zur Nutzung von digitalen Diensten auch von unterwegs und in allen Lebenslagen. Ich kann immer und überall auf genau jene Informationen zugreifen, die ich brauche. Das ist das wirklich Neue daran.

STANDARD: Wo stehen die Entwicklungen von immer ausgefeilteren mobilen Hightechgeräten hin zum intelligenten Kühlschrank?

Pichler: Wir sind mitten auf dem Weg. Der Clou ist ja, dass die Technologie in den Alltagsgeräten so gut versteckt wird, dass man sie nur beiläufig mitbekommt. Der technische Teil soll vor dem Benutzer völlig verborgen werden. Ein Beispiel für diese Entwicklung ist der Übergang vom Desktop-Rechner zum kleineren und handlicheren Laptop und nun zum Taschencomputer, dem Personal Digital Assistant (PDA). Ein anderes Beispiel findet man im Auto: Man bekommt gar nicht mit, wie viel Technologie eigentlich im Anti-Blockier-System des eigenen Fahrzeugs steckt.

STANDARD: Nun gibt es aber auch viele Skeptiker, die vor allem hinsichtlich Datenschutz und Sicherheit Bedenken äußern.

Pichler: Das verstehe ich, sehe aber zwei Seiten. Zum Beispiel beim Kühlschrank: Wenn man die Nachricht bekommt, dass die Milch aus ist, und die Nachbestellung gleich automatisch beim Supermarkt erfolgt, wird es natürlich für den Supermarkt einfacher, persönliche Profile zu erstellen. Manche Menschen schockiert das, andererseits kann man auch den Vorteil personalisierter Werbesendungen nutzen. Viele wissen eben nicht, welche Details sie schon heute über diverse Kunden- oder Kreditkarten von sich preisgeben. Manchen Menschen ist das Internet oder Pervasive Computing zu intransparent, obwohl sie auch die Funktionen ihrer Karten nicht im Detail durchschauen. Wie weit die Entwicklung aber tatsächlich gehen wird, wird man erst dann sehen.

STANDARD: Und wie schaut da Ihre persönliche Einschätzung aus: Wird der Tag kommen, an dem Alltagsgeräte mit uns reden?

Pichler: Das hängt von der Anwendergruppe ab. Der Grundtenor in der Forschung und auch bei den Unternehmen ist, dass wir die Erfahrungen auswerten müssen, die bisher bei Versuchsanwendungen für Pervasive Computing gesammelt wurden. Was brauchen die Menschen tatsächlich in welchen Situationen? Da kann man natürlich auch die Frage stellen, ob es tatsächlich sinnvoll ist, wenn die Küchengeräte kommunizieren. Es kann in speziellen Situationen nützlich sein, etwa wenn gehbehinderte ältere Leute nicht selbst ihre Einkäufe erledigen können und Bestellung und Lieferung fast automatisch funktionieren. Wir arbeiten an Szenarien, die einen klaren Zusatznutzen bieten. Bei den bereits am Markt befindlichen mobilen Services fehlt derzeit oft der Mehrwert, der den Zeit- und Geldaufwand rechtfertigen würde.

STANDARD: Was wäre für Sie denn ein Negativbeispiel einer solchen Anwendung und wie sähe ein nützliches Angebot aus?

Pichler: Eine Negativerfahrung habe ich selbst am Flughafen gemacht, als ich über mein Handy den nächsten Taxistand bzw. das nächste Restaurant finden wollte. Die nächsten Lokale waren zwei bis drei Kilometer, die Taxistände rund 50 Kilometer vom Flughafen entfernt. Solche Ergebnisse frustrieren den Benutzer natürlich sehr. Wir versuchen daher, die Welt in Regionen aufzuteilen, die einen spezifischen Kontext haben wie beispielsweise Flughäfen, Bahnhöfe, Sportstadien oder Konzerthallen. Um diese Idee, den Menschen für die Situation passende Services anzubieten, drehen sich unsere Szenarien, die wir nun als Prototypen am PDA entwickeln.

STANDARD: Bitte um eine Prognose: Wann werden computergesteuerte Anwendungen, wie Sie sie derzeit in Hagenberg entwickeln, wirklich zum Alltag großer Bevölkerungsgruppen etwa in Europa oder in den USA gehören?

Pichler: Bei der rasanten Entwicklung braucht man schon seherische Fähigkeiten, um Prognosen zu erstellen. Um wirklich breite Bevölkerungsschichten anzusprechen, liegt der Ball wahrscheinlich bei den Mobilfunkunternehmen, die dementsprechend breitenwirksame Dienste entwickeln müssen. (Elke Ziegler / DER STANDARD Printausgabe 5./6.1.2004)

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