Pressestimmen: "Kein Platz für Illusionen"

7. Jänner 2004, 09:24
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FAZ: "Ein Stück Papier allein kann Afghanistan nicht den Frieden bringen"

Frankfurt/München - Dass die nach "amerikanischem Modell" auf die Bedürfnisse des von den USA eingesetzten Präsidenten Hamid Karzai zugeschnittene afghanische Verfassung nur für einen Kabuler Rumpfstaat Geltung haben wird, befürchten europäische Pressekommentatoren am Montag:

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"Ein noch so feierlich beschworenes Stück Papier allein kann Afghanistan nicht den Frieden bringen. (...) Die Bewährungsprobe kommt, wenn das Staatsoberhaupt Karzai seine neu verbrieften Rechte einmal gegen Partikularinteressen durchsetzen muss. Vorläufig hat etwa ein Paschtune noch große Schwierigkeiten mit der Auffassung, seine Volkszugehörigkeit habe hinter einem abstrakten 'Afghanentum' zurückzustehen. Gleiches gilt für die anderen Völker. Afghanistan ist erst dann am Ziel, wenn ethnische Differenzen am Rednerpult ausgetragen werden, nicht mehr im Schützengraben."

"Süddeutsche Zeitung":

"Ein starker Präsident ist vor allem den Führern der tadschikischen Nordallianz ein Graus, die seit ihren Hilfsdiensten für die US-Truppen im Krieg gegen die Taliban das Sagen haben in Kabul. In der Loya Jirga versuchten sie mit allen Mitteln die Präsidentenmacht einzudämmen. Was ihnen auf dem Papier nicht recht gelang, werden sie in der Praxis durchzusetzen versuchen. Auch hier dürfte der Kampf nach der Einigung in der Loya Jirga weitergehen."

"FTD - Financial Times Deutschland":

"Afghanistan ist künftig eine Präsidialdemokratie nach US-Vorbild. Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Die Sorge, die Islamisten könnten der Versammlung ihren Stempel aufdrücken, erwies sich als unbegründet. Stattdessen ist ein anderer Konflikt aufgebrochen, der das Land noch lange beschäftigen wird: der ethnische. Nicht über die Rolle des Islam oder die starke Stellung des Präsidenten wurde bis zuletzt gestritten, sondern über die Frage, ob das Usbekische zu den offiziellen Landessprachen gehören soll. Das ist kein gutes Zeichen. Denn es zeigt, dass ethnische Fragen in Afghanistan mehr Mobilisierungskraft besitzen als politische und religiöse."

"Basler Zeitung":

"Das Schauspiel, das die Große Ratsversammlung abgeliefert hat, lässt keinen Platz für Illusionen. Afghanistan ist entlang ethnischer Linien zerrissen. Mörder und Kriminelle, die einzig zutreffende Beschreibung für Warlords, dürfen weiter ihr eigenes Süppchen am Hindukusch kochen. Radikale Islamisten gibt es nicht nur bei den Taliban, sondern auch bei den Afghanen, die der Demokratie das Wort reden. Ein schlecht von den USA beratener Karzai verschlimmerte die Lage mit seinem erschreckenden Mangel an politischem Feingefühl."

"El Mundo" (Madrid):

"Die Verabschiedung der neuen Verfassung macht in Afghanistan den Weg zur Abhaltung von Parlamentswahlen frei. Dies war angesichts der Wirren in dem Land vor kurzem noch undenkbar gewesen. Afghanistan wird durch die Verfassung zu einer islamischen Republik, in der kein Gesetz im Gegensatz zum Islam und zu dessen Bräuchen stehen darf. Dieser Punkt wirft einige Fragen auf und schürt viele Ängste. Die Zukunft wird zeigen, ob die Afghanen sich für eine vernünftige oder eine intolerante Version des Islam entscheiden werden." (APA/dpa/AFP)

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