Suche nach Limit für den Euro-Leidensdruck

8. Jänner 2004, 14:05
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Obwohl der Euro immer höhere Rekordstände erreicht, wird bei der heutigen EZB-Sitzung keine Zinsänderung erwartet

Wien - Nach seinem bisherigen Rekordstand von 1,2812 am Dreikönigstag hat der Euro zum Dollar wieder etwas nachgegeben. Experten räumen daher eine Korrekturphase ein. An eine baldige Trendwende glaubt jedoch niemand. Der Grund: Durch die riesigen US-Handels- und Leistungsbilanzdefizite hat der Rest der Welt einen Haufen Dollar in der Tasche. Der wird zwar teilweise wieder in den USA investiert, gleichzeitig "pfeifen" aber alle offenen Ventile für einen Umtausch des Greenback - am kräftigsten eben derzeit der Euro.

Bleibt nur mehr die Frage: Wann sieht die Europäische Zentralbank (EZB) den Leidensdruck aus dem teuren Euro als zu hoch an? Noch im Herbst wurde über ein Eingreifen der EZB bei 1,20, vielleicht 1,25 spekuliert. Jetzt glauben die Devisenexperten, dass erst ein Niveau von 1,30 oder 1,35 als Leidensschwelle gelten dürfte. Möglich, dass EZB-Präsident Jean Claude Trichet nach der für Donnerstag anberaumten Ratssitzung eine verbale Intervention beginnt, indem er Sorge über den rasanten Anstieg des Euro äußert. Dollarkäufe nach dem Vorbild der Bank of Japan oder gar bereits Leitzinssenkungen (Niveau derzeit zwei Prozent) werden vom Markt aber kurzfristig nicht erwartet.

Keine Aktionen erwartet

Demnach erwartet das Gros des Marktes auch von der am Donnerstag anberaumten EZB-Sitzung noch keine Aktionen. Möglich, dass Präsident Trichet sich über Details zum Wechselkursverhältnis gar nicht öffentlich äußert. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) spricht sich allerdings für eine Zinssenkung auf 1,75 bis 1,5 Prozent aus. Die meisten Marktbeobachter halten jedoch das derzeitige Niveau noch für angemessen. "Wir sind noch nicht in Regionen, in denen der Wechselkurs des Euro zur Belastung für die Wirtschaft wird", meint Michael Hüther, Chefvolkswirt der Deka-Bank in Frankfurt.

Peter Brezinschek, Chefanalyst im Hause Raiffeisen, glaubt, dass auch eine Intervention der EZB den "nachhaltigen" Euro-Anstieg nicht stoppen könne. Zum Jahresende sieht sein Team den Euro bei über 1,30 zum Dollar. In diesem Prognosemodell ist keine Leitzinssenkung in Europa eingerechnet, allerdings ein Zinsschritt der USA um 50 Basispunkte, wenn die Skepsis gegenüber einer Erholung am US-Arbeitsmarkt beseitigt sei.

Aufschwung in Deutschland nicht gefährdet

Der deutsche Wirtschaftsweise Bert Rürup räumt ein, dass je dynamischer der Aufschwung in den USA, desto leichter ließe sich auch ein niedriger Dollarkurs verkraften. Im Gegenzug würden die Importe billiger, er betonte aber: "Dennoch überwiegen in unserer exportorientierten Wirtschaft die Nachteile - vor allem, wenn der Kurs so abrupt steigt wie in den vergangenen Wochen."

Der Aufschwung in Deutschland sei aber nicht gefährdet, da das Wachstum in den USA sehr stark sei. "Da aber bei uns die Binnennachfrage noch nicht angesprungen ist, kommt die Aufwertung des Euro zur denkbar falschen Zeit." Ein dauerhaft starker Euro würde auch den Jobabbau beschleunigen. Als Beispiel nannte der Wirtschaftsweise die Ankündigung des Siemens-Konzerns, Teile der Software-Entwicklung nach Osteuropa zu verlagern. (Karin Bauer, Der Standard, Printausgabe, 08.01.2004)

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