Es wird zu wenig gespielt

7. Jänner 2004, 14:51
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Psychologin: Schulängste sinken, Aggressionen werden abgebaut

Wien/Hamburg - Die Schule als Spielplatz? Mit Spielen Lernen lernen? Glaubt man der Wiener Kinderpsychologin Waltraut Hartmann vom Institut für Psychologie der Uni Wien, dann haben Österreichs Schulen ein großes Manko: Es wird zu wenig gespielt.

"Spielen würde der Schule sehr gut tun", sagt sie im Gespräch mit dem STANDARD. Der Einfluss auf die Kreativität sei unbestreitbar. Bei Kindern, die spielen, verringern sich Schulängste, Aggressionen werden abgebaut. Und warum soll ein 17-Jähriger beispielsweise nicht "mit hoch komplizierten Bauteilen arbeiten dürfen?", fragt Hartmann.

Für Ganztagsmodell

Aber gerade in den höheren Schulen sei Spielen im Lehrplan nicht zu finden. Bei den vielen verschiedenen Lehrern komme die interne Absprache zu kurz, auch fehle den meisten die spielpädagogische Ausbildung. Hartmann: "Sie wissen oft nicht, wann, wie und schon gar nicht was man spielt." Da in den Halbtagsschulen schon "so viel Lernstoff untergebracht werden muss, dass man eh fast nicht damit fertig wird", spricht sich die Kinderpsychologin für ganztägliche Modelle aus: "Kinder können ja nicht den ganzen Tag durchlernen. Da ist das Spiel unumgänglich."

Dem Zusammenhang zwischen Spielen und Lernen war man auch bei einem Symposium auf der Spur. In Hamburg trafen sich Pädagogen, aber auch Hirnforscher auf Einladung der Spielzeugfirma Lego, um über den Nutzen des Spiels für die kindliche Entwicklung zu diskutieren.

Der amerikanische Molekularbiologe und Hirnforscher John Medina wies auf eine Untersuchung an amerikanischen Schulkindern hin, bei der nachgewiesen werden konnte, dass kurze Einheiten von körperlicher Bewegung, dreimal während eines Schultages durchgeführt, nach sechs Monaten signifikant bessere Lernleistungen bewirkten. Für Mitchel Resnick vom Media Lab des Massachusetts Institute of Technology wiederum wird der zukünftige Erfolg für den Einzelnen, aber auch für die Gemeinschaft "nicht darauf beruhen, wie viel wir wissen, sondern auf unserer Fähigkeit zu denken und kreativ zu handeln".

"Kreative Gesellschaft"

Kinder sollten bei diesem Übergang zur "kreativen Gesellschaft" eine zentrale Rolle spielen, da die Kindheit einer der kreativsten Zeiträume in unserem Leben ist. Resnick: "Wir müssen Kindern dabei helfen zu lernen, wie sie ihre kreativen Fähigkeiten erweitern und verfeinern können."

Was Kinder können, zeigte er anhand von Beispielen. So erfand eine Teenagerin für ihr Tagebuch eine elektronische Sicherung. Wer in ihrem Buch geheim lesen will, muss sich vorsehen: Er wird fotografiert. (Peter Mayr, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 5./6.1.2004)

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