Findige Fasern für kalte Zeiten

11. Jänner 2004, 20:02
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Auch wenn so genannte "intelligente Kleidung" dem Menschen nicht das Denken abnehmen kann, die Temperatur regelt sie schon jetzt. Textilien, die kühlen, wenn man schwitzt, und wärmen, wenn man friert, sind nur eine der Neuigkeiten des Hightech-Textilmarktes

Materialen mit außergewöhnlichen Eigenschaften beflügeln die Metaphorik: "Gefrorener Rauch" nennen die Wissenschafter der Nasa Aerogel, ein Material, das Temperaturen von bis zu minus 50 Grad isoliert und erst bei 3000 Grad zu schmelzen beginnt. Entdeckt bereits in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, ist es in erster Linie dafür bekannt, auf Weltraummissionen Schutz zu bieten. In den Modebereich fand das kostspielige Material erst durch das Florentiner Unternehmen Corpo Nove Eingang, mit der Protojacke "Absolute Zero". "Eine Revolution", befindet Corpo-Nove-Sprecher Filippo Pagliai, auch wenn die Jacke nicht im Handel erhältlich ist. Dafür ist sie in einem US-Museum ausgestellt.

"Absolute Zero" ist nur eine der Innovationen einer Sparte, die in den letzten Jahren massiv Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. So genannte Smart Clothes, also intelligente Kleidung, beflügeln Vorstellungen wie die Kleidung der Zukunft aussehen könnte. Sie ist zum Beispiel mit jeder Menge Kleinelektronik ausgestattet, wie es die finnische Firma Reima zusammen mit der Universität Tampere vormachte: Sie entwickelten einen Snowmobilanzug, der über Pulsschlag und Temperatur Auskunft gibt und den genauen Ort seines Trägers bestimmt. Ob integrierte Airbags oder Ultraschallsensoren, die die Bewegungen der Lendenwirbelsäule registrieren, ob MP3-Player im Ärmel oder intelligente Kniebandagen, im Bereich der "Wearables", wie die Elektrotextilien genannt werden, sind in den letzten Jahren jedenfalls viele Schlagzeilen produziert worden.

Mit der Entwicklung neuer serienreifer Textilien, die idealiter wind- und wasserdicht, rasch trocknend und bequem zu tragen sind, erregt man dagegen etwas weniger Aufmerksamkeit - auch wenn es hier von bakteriostatischen bis vor Elektrosmog schützenden Fasern jede Menge Neuigkeiten gibt, wie auf der Frankfurter Fachmesse Avantex alljährlich gezeigt wird. Das Unternehmen W. L. Gore (also jenes Bill Gore, der Ende der 50er-Jahre das Patent für Gore Tex anmeldete, einer Erfindung die darin besteht, eine Teflonmembran an oder zwischen Textilschichten anzubringen) stellte im letzten Jahr eine Art "persönlicher Klimaanlage" vor. "Airvantage" heißt das in Jacken und Westen integrierbare System, das auf aufblasbaren Kammerkonstruktionen basiert. Mittels eines innen am Kragen angebrachten Ventils bläst der Träger die Jacke so weit auf, wie es sein persönliches Bedürfnis verlangt. Die Luft schützt einerseits vor Kälte und hält andererseits die Wärme fest.

An Kleidung, die kühlt, wenn man schwitzt, und wärmt, wenn man friert, wird derzeit vor allem in Amerika geforscht. "Phase Change Materials" werden sie genannt, und werden von Fachleuten noch etwas skeptisch beäugt. Eckhard Schollmeyer, Leiter des Deutschen Textilforschungszentrums in Krefeld, hält die Idee in einem taz-Gespräch prinzipiell nicht für schlecht: "Das sind mikroverkapselte Kohlenwasserstoffe, die bei Körpererwärmung einen Phasenübergang erster Ordnung haben, das heißt sie gehen von fest auf flüssig über. Dabei verbrauchen sie Wärme, das ist der Kühleffekt." Der Wärmeeffekt entsteht dadurch, dass die Kohlenwasserstoffe wieder fest werden und Wärme abgeben.

Eines der Patente, das sich bereits am immer größer werdenden Markt befindet, ist Outlast, es wird unter anderem bereits von Firmen wie Wolfskin, Nordica oder Bugatti verwendet. Temperaturunterschiede bis zu 40 Grad sollen mit Outlast überbrückt werden können. (hil/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 1. 2004)

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