Syrien will mit Israel verhandeln

6. Jänner 2004, 19:12
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Der ehemalige israelische Spitzenbeamte Eitan Bentzur im STANDARD-Gespräch: "Nehme Syriens Bemühungen ernst"

Jerusalem/Damaskus/Wien - "Es gibt Anzeichen dafür, dass Syrien dem Weg Libyens folgen wird", meint Eitan Bentzur, ein früherer (Likud-)Generaldirektor des israelischen Außenministeriums, jetzt Geschäftsmann. Wenn sich Syrien tatsächlich ebenfalls Transparenz verordnet, was (die von Experten als nicht bedeutend eingeschätzten) Massenvernichtungswaffen angeht, könnte sich die - bisher negative - US-Einstellung zu den Signalen ändern, die, so Bentzur im Gespräch mit dem Standard, bereits seit Frühherbst 2002 aus Damaskus kommen: Syrien will Verhandlungen mit Israel.

Von "dramatischen Gesten", zu denen Präsident Bashar al-Assad bereit sei, spricht Bentzur und lässt sich daraufhin ein "nach dem Muster Sadats" entlocken, übersetzt: Assad würde gegebenenfalls wie jener nach Jerusalem kommen. Bentzur war nach eigener Aussage in die erste Phase der israelisch-syrischen Kontakte involviert: Sie hatten vor dem Irakkrieg begonnen, nach dem Krieg gab es dann ein "gewisses Treffen" zwischen ihm, Bentzur, und einem hochrangigen Syrer in Jordanien.

Ma'ariv hatte bereits im Mai Maher al-Assad, den jüngeren Bruder Bashars, als syrischen Mittelsmann genannt. Bentzur will das dem Standard nicht bestätigen und macht darauf aufmerksam, dass andere berichtet haben, dass der Kontakt "noch höher stehend war, was die offizielle Verantwortung betrifft".

US-Desinteresse

Bentzur beteuert, er habe immer in Absprache mit der israelischen Regierung gehandelt. Die Gespräche seien durch deren Publikmachung gestört worden - mit Absicht (dass er selbst die Quelle von Ma'ariv war, wie in Israel teilweise vermutet wird, dementiert er). Außerdem hatten sich die USA desinteressiert gezeigt: Sie wollten Ministerpräsident Ariel Sharon, der "dabei war, die Roadmap (für den Konflikt mit den Palästinensern) anzunehmen", nicht an einer weiteren Front unter Druck setzen - abgesehen von allen Vorbehalten Washingtons Syrien gegenüber, sagt Bentzur.

Der israelische Syrien-Experte Eyal Zisser vom Moshe Dayan Center for Middle Eastern Studies an der Universität Tel Aviv ist da deutlicher. Die US-Botschaft an Israel sei: Kein Friede mit den Syrern, bevor sie sich nicht den US-Wünschen unterwerfen. Und für Israel, sagt Ephraim Kam, Vizechef des Jaffee Center for Strategic Studies, ebenfalls in Tel Aviv, sei der Preis eines Friedens mit Syrien - die Rückgabe des Golan - sehr hoch, vielleicht zu hoch, zumal es ein kalter Friede, wie mit Ägypten, werden würde. Aber ist nicht Frieden ein Wert an sich? "Frieden als Ende des Krieges?", fragt Kam den Standard ironisch, "es gibt keinen Krieg mit Syrien."

Auch für Bentzur ist indes keineswegs ausgemacht, dass israelisch-syrische Gespräche zu einem schnellen Abschluss, das heißt Rückgabe des Golan, führen würden, wichtig seien die Gespräche an sich. Auch die Syrer wüssten, dass es keinen "quick fix" gebe. Zu welchen Zugeständnissen Damaskus in Bezug auf den syrischen Zugang zum See Genezareth bereit wäre (den Israel verweigert, woran auch 2000 die Verhandlungen scheiterten), darüber will Bentzur nicht reden: "Ich habe nie ein Verhandlungsmandat gehabt, Gott sei Dank nicht." Als die Syrer anfingen, Andeutungen zu machen, habe er sie auf spätere Verhandlungen verwiesen. Aber dass Bashar nicht die gleiche Beziehung zum See Genezareth hat wie sein Vater - der als Kind darin gebadet hatte -, kann sich Bentzur vorstellen.

Baker in die Region

Aber man müsse sich eben anhören, was Damaskus zu sagen habe. In jüngster Zeit gab es ein Interview von Assad mit der New York Times, in der er seine Gesprächsbereitschaft erklärte, das Gleiche berichtete der US-Kongressabgeordnete Tom Lantos nach einem Damaskusbesuch in Jerusalem. Und, wie gesagt, vielleicht werde sich auch die US-Einstellung ändern: Wenn James Baker jetzt als Vermittler in die Region geschickt werde, so Bentzur, könne man durchaus mit Bewegung rechnen. Der Einschätzung, Geheimkontakte, wie er sie geführt haben will, seien äußerst "unsyrisch", will Bentzur nicht widersprechen. Aber man habe es in Syrien jetzt eben mit zwei Kreisen zu tun: Assad und seine Familie einerseits, die alte Garde andererseits. Erstere wolle vor allem aus wirtschaftlichen Gründen Öffnung und Wachstum nach Syrien bringen. Und der Irakkrieg habe ein Übriges getan: "Im Bann des Irakkriegs hätte vielleicht sogar der Vater Assad umgedacht."

Und wie interessiert ist Sharon am Frieden mit Syrien? Bentzur will nicht im Namen seines alten Parteifreundes sprechen, Sharon habe jedoch 2002, als sich die Möglichkeit zu ersten Kontakten bot, sofort Ja gesagt. Nachdem alles öffentlich wurde, "wurde er sehr vorsichtig in seinen Stellungnahmen". Denn da sei die Unterstützung, die Syrien Terrorgruppen gewähre, und damit die Zweifel, ob die Absichten Assads genuin oder nur Folge des US-Drucks seien. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 5./6.1.2004)

Israelischer Beteiligter bestätigt Geheimkontakte mit Syrien seit Frühherbst 2002
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