Kommentar: Distanz zum Schrecken

5. Jänner 2004, 15:49
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"Das Leben ist immer lebensgefährlich", wusste schon Erich Kästner. Wie vielen der Badeurlauber in Sharm el-Sheikh ...

Das Leben ist immer lebensgefährlich", wusste schon Erich Kästner. Wie vielen der Badeurlauber in Sharm el-Sheikh, wo nun ein Flugzeugwrack mit mehr als hundert Toten im Roten Meer liegt, Kästners melancholische Kritik eigen ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall, so wird berichtet, sind sie von der Katastrophe nicht sehr beeindruckt, sie wahren Distanz zum Schrecken. Es scheint sich also der Unfall mit einem Flugzeug jener "Normalität" zu nähern, die Unfälle mit oder durch Autos haben.

In Spanien stirbt alle zwei Stunden ein Mensch im Straßenverkehr - auch dies war eine Meldung, die dieser Tage über die Nachrichtennetze ging, kaum jemanden regt das noch auf.

Fluglinien pflegen Statistiken, aus denen hervorgeht, dass Flugzeuge das sicherste Verkehrsmittel sind. Und sie sorgen recht gut für Sicherheit. Auch die so genannten Billigflieger, fast hat man den Eindruck, die ganz besonders. Denn für sie wäre nach einem Absturz die üble Nachrede "Klar, bei diesen niedrigen Preisen muss ja die Sicherheit leiden" eine verheerende Beschleunigung Richtung Konkurs.

Überaltete Maschinen, Mangel in der Flugkontrolle

Grauenhafterweise bestätigt eine andere Statistik, dass Flugsicherheit eine Frage der gesamten Wirtschaftskraft ist, nicht so sehr der Finanzkraft einer Fluggesellschaft: In Afrika ist das Fliegen 14-mal gefährlicher als in West- und Mitteleuropa. Schuld daran sind laut Experten auch überalterte Maschinen, aber hauptsächlich Mängel in der Flugkontrolle am Boden.

Das Hauptgeschäft der Fluggesellschaften in hochzivilisierten Ländern bringen die Touristen, und die wollen eben immer öfter immer weiter weg zur Erholung, also nehmen sie die Gefahr offensichtlich immer mehr in Kauf. Auch wenn dieser Handel im Ernstfall nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. (Klaus-Peter Schmidt/DER STANDARD; Printausgabe, 5./6.1.2004)

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