Liberalisierung reicht nicht gegen Armut

11. Jänner 2004, 20:15
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Zehn Jahre nach Start der nordamerikanischen Freihandelszone fällt für Mexiko die Bilanz gemischt aus

Industrialisierung und Exportsteigerung wurden mit Problemen für die Landwirtschaft erkauft.

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Mexiko-Stadt - Als vor zehn Jahren das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (Nafta) in Kraft trat, jubilierten die Mexikaner. Immerhin waren sie das erste lateinamerikanische Land, das einen solchen Vertrag mit den USA schloss. Arbeitsplätze, Wachstum, Investitionen und Exportboom versprach die damalige Regierung. Umweltsauereien, Sozialdumping und Zusammenbruch der heimischen Wirtschaft sagten Kritiker vorher. Beide behielten Recht.

Brasilien überholt

Global gesehen hat Mexiko von dem Abkommen profitiert. Das Land ist zur neuntgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen und hat damit den südamerikanischen Giganten Brasilien überrundet. Seit 1994 sind mexikanische Exporte in die USA von 51,8 auf 160 Mrd. Dollar geklettert, die Handelsbilanz ist positiv, die Anbindung an die USA hat Mexiko vor einem Übergreifen der Finanzkrisen Südamerikas geschützt.

Mexiko führt nicht mehr hauptsächlich Erdöl aus wie in den 80er-Jahren - sondern Industrieerzeugnisse. Jährlich entstanden hunderttausend Arbeitsplätze in der Fertigungsindustrie (Maquila) entlang der Grenze. Konzerne wie VW und Nissan bauen in Mexiko Autos für den US-Markt. Zu den Nafta-Gewinnern gehören auch mexikanische Unternehmen wie der Großbäcker Bimbo, der Mehl- und Tortillaproduzent Maseca sowie Bier- und Tequilafirmen.

Bäuerliche Verlierer

Als Nafta-Geschädigte betrachten sich hingegen die Bauern. Die Klein- und Mittelbetriebe sind gegenüber der hoch subventionierten, modernen Konkurrenz aus dem Norden kaum konkurrenzfähig. In den USA kostet die Aufzucht eines Schweines ein Füntel weniger als in Mexiko, 40 Prozent des in Mexiko verkauften Schweinefleischs stammen bereits aus den USA. Ähnlich sieht es beim Getreide aus. Seit 1994 sind US-Agrarexporte nach Mexiko von 3,6 auf 7,5 Mrd. Dollar gestiegen. Die Folge: Mexiko kann nicht mehr genügend Grundnahrungsmittel für seine Bevölkerung produzieren.

Von Nafta profitiert haben lediglich spezialisierte, kapitalkräftige Großbetriebe, die großflächig Dünger und Pestizide einsetzen und die Umwelt belasten. Kritiker geben zu bedenken, dass trotz Nafta Mexikos Wirtschaft nur langsam gewachsen sei - im Schnitt zwei Prozent pro Jahr. Netto seien in der letzten Dekade 750.000 Arbeitsplätze verloren gegangen; weiterhin lebten 40 Prozent der Mexikaner in Armut und der Vertrag habe die einseitige Abhängigkeit vom US-Markt erhöht.

China als Gewinner

Mittlerweile gehen 90 Prozent der mexikanischen Exporte in die USA. Deshalb bekommt Mexiko die US-Konjunkturflaute heftig zu spüren: Im Maquila-Sektor gingen seit 2001 rund 250.000 Arbeitsplätze verloren. Viele werden so schnell keine Stelle mehr finden. Denn inzwischen ist es billiger, in Asien fertigen zu lassen: Hunderte Betriebe, vor allem im Textilbereich, übersiedelten nach China. Diese Konkurrenz macht den Mexikanern nicht nur den Export schwer, sondern überschwemmt auch den heimischen Markt.

Das meiste davon kommt als Schmuggelgut ins Land. So kostet die chinesische Imitation eines traditionellen mexikanischen Schals ein Drittel weniger als das Original. Der Unmut bei der Bevölkerung wächst. Immer wieder wird chinesische Billigware von aufgebrachten Händlern verbrannt; "kauf mexikanisch", werben Industriegremien. Über 100.000 gingen vor kurzem gegen die Regierung auf die Straße. Kleinbauern und Arbeiter fordern mehr Protektionismus und Neuverhandlung des Nafta-Abkommens, was für die Regierung nicht infrage kommt. Für sie überwiegen die Vorteile: "Alle müssen sich dem Wettbewerb stellen", sagt Vicente Fox, konservativer Präsident und Ex-Coca-Cola-Manager.

Langsamerer Abbau der Zölle

Diese Auffassung greift nach Ansicht von John Audley von der Carnegie-Stiftung zu kurz. "Handelsliberalisierung alleine reicht nicht aus, um die Lebensqualität der Armen zu verbessern", schrieb er in seiner Nafta-Bilanz. Die Kleinstaaten Mittelamerikas sollten bei ihren Freihandelsgesprächen mit den USA daraus lernen und einen langsameren Abbau der Zölle auf Reis, Mais und Bohnen verlangen, weil diese das Rückgrat der kleinbäuerlichen Produktion seien.

Mexiko, so Außenminister Luis Ernesto Derbez, habe keine Zukunft als Niedriglohnland und müsse auf Design und Qualität setzen. Das aber braucht staatliche Industrie-und Technologieförderung - was Freihandelskritiker schon lange fordern. Auch die Rahmenbedingungen müssen sich verbessern, fordern mexikanische Unternehmer: weniger Bürokratie, billigere Kredite, geringere Energiekosten. (Sandra Weiss, DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.1.2004)

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    Vor allem Farmer sehen sich durch Nafta einer übermächtigen US-Konkurrenz ausgesetzt und gehen für mehr Schutz ihrer Märkte auf die Straße

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