Buckingham-Gate

2. Jänner 2004, 22:41
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Seit jeher spinnt der englische Hochadel Intrigen und Komplotte. Der Nichtadel spinnt die dazugehörigen Theorien. Im Zusammenhang mit Dianas Tod wird kreativer gesponnen denn je

Die kleine Elizabeth wurde in höchst unsichere, verschwörerische Zeiten hineingeboren. Der Vater ließ die Mutter enthaupten - unter dem fadenscheinigen Vorwurf des Ehebruchs, weil auch diese zweite Frau ihm keinen männlichen Thronerben schenkte. Die junge Elizabeth wurde hernach vom englischen Königshof verstoßen, um später durch etliche Fügungen ihres bewegten Schicksals doch noch das zu werden, wofür sie prominent in die Geschichtsbücher eingegangen ist: Königin von England nämlich.

Nein, die Rede ist nicht von der Queen Elizabeth, die uns vertraut ist, jenem unscheinbaren Muttchen mit den umwerfenden Hüten und der "stiff upper lip", das im vergangenen Jahr ihr 50-jähriges Thronjubiläum beging, sondern von jener Elizabeth, der Ersten, deren Regierungszeit im 16. Jahrhundert bis heute als goldenes Zeitalter Englands gilt - nicht zuletzt weil damals der große William Shakespeare seine zahlreichen Dramen schrieb - über die Staatsstreiche, Mordkomplotte und Intrigen in der Welt des englischen Hochadels. Shakespeares Macbeth, Richard III. oder Heinrich VIII. zeugen von den verschwörerischen Umtrieben am Hofe, wo in Erbfolgestreitigkeiten Kinder ermordet, Frauen unter Hausarrest gestellt und intrigante Höflinge zu guter Letzt ihren Kopf auf den Richtblock legen mussten - alles immer im Streben nach der Krone.

Was Elizabeth II, die ihr Leben an der Seite eines einzigen Mannes und einigermaßen affärenarm zubrachte, ihrer Namenspatronin Elizabeth I, die eine Reihe verschmähter Liebhaber und einige erfolgreich überstandene Intrigen vorzuweisen hat, gewissermaßen schuldig bleibt, scheint seit Jahren die königliche Nachkommenschaft wieder wettzumachen. In Pomp und Glorie und talentierter als der restliche europäische Hochadel, auf den das britische Königshaus verächtlich als "Fahrradmonarchen" herabblickt, liefern die britischen Royals (was die Queen immer um jeden Preis verhindern wollte) das, was jede gut gemachte amerikanische Seifenoper auch kann: Sex und Ehekriege, Intrigen und Betrug, Skandale und Vertuschungen. Die Windsors sind, wenn auch weniger blutrünstig als ihre Vorfahren, doch unfreiwillige Profis in der Unterhaltung ihrer Untertanen geworden - und das, obwohl die Hauptdarstellerin dieser königlichen Soap vor nunmehr sechs Jahren mit ihrem Liebhaber Dodi Al Fayed 1997 im Pariser Alma-Tunnel bei einem Unfall zu Tode kam.

Die vom Volk zur "Königin der Herzen" gekrönte Diana reiht sich perfekt für das kollektive Massengedächtnis in die Riege märchengleicher Lichtgestalten ein, die plötzlich, reich und schön, aber viel zu jung, aus dem Leben gerissen wurden: Marilyn Monroe, John F. Kennedy, Grace Kelly - dann Lady Di. Und wenn etwas unerklärlich scheint, müssen Theorien gestrickt werden, um das Unglaubliche glaubhaft zu machen - und diese Theorien stehen den historisch verbrieften Verschwörungen des Elisabethianischen Zeitalters wiederum in nicht viel nach.

Dianas Unfall konnte alles gewesen sein - nur kein normaler Unfall. Internationale Waffenkartelle ließen Diana killen, um ihren Kampf gegen Angolas Landminen zu beenden. Oder besser: Die Prinzessin wurde von der Königsfamilie selbst oder vom britischen Geheimdienst MI 5 getötet. Warum? Der Di-Lover Dodi Al Fayed, Harrod's-Erbe und Muslim, sollte auf keinen Fall Stiefvater des künftigen Königs, Prinz William, werden.

Vater Mohamed Al-Fayed, dessen Sohn bei dem Unfall ebenfalls tödlich verunglückte, behauptet seit Jahren, Diana und Dodi seien Opfer eines (vom Queen-Gatten Prinz Philipp befohlenen) Mordkomplotts. Angeblich wurden, so Fayed, Beweise vertuscht, Schmiergelder bezahlt und staatliche Ermittlungen behindert. Dass Fayed vielleicht davon ablenken will, dass sein Angestellter, der Ritz-Fahrer Henri Paul, die beiden sturzbetrunken totgefahren hat, klingt wahrscheinlich, aber für royale Verschwörungsliebhaber schlichtweg zu simpel.

Verschwörungstechnisch am allerbesten: Diana musste sterben, damit Charles seine eigentliche Liebe, Camilla Parker-Bowles, heiraten kann. Beweise gab es bis dato - selbstredend - keine.

Aber just zu dem Zeitpunkt, da es so schien, als würde wieder Ruhe in das Tollhaus der Windsors einkehren, stürzte dieses Jahr ein königlicher Butler die britische Monarchie wieder in eine schwere Krise. Der langjährige Diana-Vertraute und treu ergebene Paul Burrell bohrt jetzt - für ihn selbst sehr lukrativ - mit seinem 590 Seiten starken Enthüllungsstück Im Dienste meiner Königin in alten Wunden der siechenden Monarchie. In einem Brief an Burrell hatte die Prinzessin zehn Monate vor ihrem Tod ein Mordkomplott gegen sie, als Unfall getarnt, prophezeit und auch den Namen desjenigen genannt, der diesen Mord angeblich plante. Der Druck auf die Justiz steigt, die Unfallursache neu zu untersuchen - und der auf die Royals auch.

Denn Butler Burrell, auch Dianas einstiger Nachlassverwalter, weiß noch mehr: Das so genannte "Rape-Tape", auf dem ein ehemaliger Palastdiener einen Hofangestellten des sexuellen Missbrauchs bezichtigt, steht zurzeit im Zentrum unzähliger Verdächtigungen. Überdies wollte dieser Diener ein (männliches) Familienmitglied der Windsors in kompromittierender Stellung mit einem (männlichen) Mitglied des Personals gesehen haben. Das belastende Material, das Diana angeblich zeitlebens in einer Mahagonikiste verwahrte, ist natürlich verschwunden.

Der Prozess gegen Paul Burrell aber, der noch im Vorjahr angeklagt war, sich illegal Besitztümer seiner ehemaligen Chefin angeeignet zu haben, wurde durch eine rätselhafte königliche Intervention gestoppt. Was die alten Verschwörungstheorien betrifft, gibt es nun wieder zahlreiche neue Spekulationen: ein möglicherweise schwuler Thronfolger, ein Mordkomplott, eine tote Prinzessin - und ein indiskreter Höfling, der zu viel weiß. Was für ein Stoff für William Shakespeare. Die theaterbegeisterte Elizabeth I hätte sicher ihr Vergnügen an solch einem Drama gehabt. (Mia Eidlhuber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 1. 2004)

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