Reisen, ein gangbarer Weg zur wahren Bildung

3. Jänner 2004, 22:00
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Die Methodengeschichte des Reisens im 17. und 18. Jahrhundert führt zu den Wurzeln der Sozialforschung

Die großen Aufklärer waren sich einig, dass der Weg zur wahren Bildung nur über das Reisen führen kann. Eine Ansicht, die im Zeitalter des Massen- und Pauschaltourismus längst ihre Gültigkeit verloren hat. Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert jedoch, als das Reisen noch relativ wenig mit Relaxen, Sightseeing und wohl dosiertem Excitement zu tun hatte, drückte sich darin eine Wahrheit aus, die noch um einiges tiefer geht, als man auf den ersten Blick vermutet.

"Vor der Französischen Revolution war die Bildungsreise das zentrale Erziehungsmittel für junge Adelige, die in den Fürstendienst treten wollten", erklärt der Salzburger Kulturwissenschafter Justin Stagl. "Die Reise war damals das gängige Instrument zur Entprovinzialisierung." Durch seine Beschäftigung mit dieser frühen Form des Reisens fand der Wissenschafter heraus, dass die jungen Menschen nicht einfach irgendwie gereist sind, "sondern dass da eine Methode dahinter stand". Mit dieser Methodik des Reisens befasste sich eine eigene Literaturgattung, die "ars apodemica", der erstmals durch Stagls Analyse der lateinischen, französischen, deutschen und englischen Originaltexte wissenschaftliche Aufmerksamkeit zuteil wurde.

Die Zeit des Späthumanismus war geprägt von einem umfassenden Streben nach Nützlichkeit, Planung und Kontrolle in allen Belangen des Lebens. Diese Geisteshaltung hat natürlich auch die Kulturtechnik des Reisens stark beeinflusst: Damit sie sowohl dem Reisenden selbst als auch der daheim gebliebenen "Gemeinschaft der Gebildeten" durch Wissensfortschritte messbaren Nutzen bringen konnte, mussten die damit verbundenen Reiseberichte ganz bestimmte Ansprüche erfüllen. Aus diesem Grund wurden im 16. und 17. Jahrhundert unzählige Reiseratgeber publiziert, das Reisen selbst wurde immer mehr zu einer strikt reglementierten Kunstform beziehungsweise zu einem "enzyklopädischen Pflichtprogramm".

"Die Auswirkungen dieser 'ars apodemica' haben das Reisen im Okzident vom 16. bis zum 18. Jahrhundert auf eine von den übrigen großen Zivilisationen nicht erreichte Stufe gehoben", behauptet Justin Stagl. "Sie war ein kulturhistorisches Phänomen ersten Ranges, das bisher nicht genug gewürdigt worden ist." Die intensive Beschäftigung mit der bislang als Reiseführer verkannten beziehungsweise gänzlich ignorierten Textgattung der Reiseratgeber führte Stagl zur Überzeugung, dass es sich bei der äußerst methodenorientierten "Kunst des Reisens" um die frühe Form der Sozialforschung handelt: "Es sind vor allem die Reisemethodiken mit ihren Anweisungen, wie man auf Reisen Beobachtungen macht und Fragen stellt, wie man die gewonnenen Erkenntnisse festhält, ordnet und auswertet, die dazu berechtigen, die 'ars apodemica' als die frühmoderne Vorform der Methodik der empirischen Sozialforschung anzusehen."

Die zahlreichen Belege für diese bemerkenswerte Hypothese hat der Kulturwissenschafter in seiner im Böhlau-Verlag erschienenen und vom Wissenschaftsfonds geförderten Geschichte der Neugier zusammengefasst. Stagl legt damit nicht nur eine Geschichte des Reisens von den frühen Hochkulturen bis zum 19. Jahrhundert vor, sondern auch eine faktenreiche Analyse jener mit der "ars apodemica" verbundenen Phänomene, aus denen später eine Reihe neuer Wissenschaftszweige von der Völkerkunde über die Nationalökonomie bis zur Soziologie hervorgingen: das Sammeln und die Umfrage.

"Man muss sich vorstellen, wie schwierig es damals war, zu Informationen über fremde Länder zu kommen", sagt der Wissenschafter. "Im Grunde gab es dafür nur drei Möglichkeiten: Das Reisen, die Befragung von Leuten, die schon an diesen Orten waren, sowie die Korrespondenz mit dort lebenden Menschen, die allerdings in Ermangelung einer Post ohne Reisende wiederum nicht möglich gewesen wäre." Wenn nun etwa ein Fürst für seine politischen Geschäfte die gleichen Informationen aus vielen verschiedenen fremden Regionen benötigte, wurde mithilfe von Reisenden eine Art Rundbrief mit Fragenlisten an alle Provinzgouverneure, Missionare und so weiter ausgegeben. "Und das", meint Stagl, "war die Urform des Fragebogens."

Ein anderer Aspekt des Reisens war das Sammeln unterschiedlicher Gegenstände aus fremden Ländern. Wer sich das nicht leisten konnte, sollte zumindest Zeichnungen oder Exzerpte aus Bibliotheken anfertigen und mitbringen. Waren genug Objekte angehäuft, musste auch ein Ordnungssystem entwickelt werden, um sie sinnvoll präsentieren zu können. "Entsprechende Anweisungen zur Ordnung dieser Reisesammlungen gab es bereits im späten 16. Jahrhundert. Damit war der Grundstein für die Entstehung von Museen gelegt."

Mit diesen drei Urmethoden des Wissenserwerbs - Reise, Umfrage und Sammeln - hatte man im Lauf des 17. Jahrhunderts die meisten Länder Europas bereits sehr gut erforscht. Außerdem entstanden immer mehr Landesuniversitäten, welche die europäische Bildungsreise mehr oder weniger überflüssig machten. Die Folgen: eine "Degeneration" des Reisens zu einer Art Sightseeing. Und Forschungsreisen, die nicht mehr auf Persönlichkeitsbildung, sondern nur auf Gewinnung neuen Wissens ausgerichtet waren, wurden immer häufiger.

Die Reisemethodiken des 17. und 18. Jahrhunderts haben sich darauf eingestellt: Die apodemische Literatur gab detaillierte Anweisungen zum Benützen von Bibliotheken, Sammeln kulturgeschichtlicher Objekte und Kopieren von Inschriften. Es entstanden Methodologien für naturwissenschaftliche Forschung, von wissenschaftlichen Akademien wurden "Interrogatorien" - spezialwissenschaftliche Fragenkataloge - zur Erforschung fremder Länder durch wissenschaftlich motivierte Reisende eingesetzt. Als Gegenbewegung entwickelte sich die "empfindsame Reise", in der das Streben nach Objektivität von einer neuen Lust am Subjektiven abgelöst wurde. Justin Stagls Geschichte der Neugier endet um 1800. Warum dieser Zeitpunkt? "Weil die Bildungsreise der Oberschicht nach den Napoleonischen Kriegen völlig zum Erliegen kam", erklärt der Kulturwissenschafter. "Nach dem Wiener Kongress hat sie zwar in neuer Form wieder aufgelebt, allerdings ohne den wissenschaftlichen Ballast. Da ist man fast nur noch zum Vergnügen und zur ästhetischen Bildung gereist." (Doris Griesser/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 1. 2004)

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