Chevron-Stamm trifft Agip-Sippe

19. April 2005, 11:33
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Kasachstan wird vom Klan des Präsidenten beherrscht - Um die Ausbeutung der enormen Öllager wetteifern amerikanische und europäische Konzerne

Astana - Im Schlafwagenabteil des Zuges von Almaty nach Astana, von der alten Landeshauptstadt Kasachstans zur 1200 Kilometer weiter nördlich gelegenen neuen, treffen wir auf Sascha und Witali, zwei Unteroffiziere der kasachischen Armee. Sie kehren nach ein paar Tagen Urlaub zu ihrer Truppe zurück. Sie sind Russen, zumindest waren sie es.

"Wir wurden 1968 in der ,Sozialistischen Sowjetrepublik Kasachstan' geboren. Das Land wurde 1991 unabhängig. Das war für uns eine eher abstrakte Angelegenheit, bis wir einen Pass erhielten. Seither sind wir Kasachen, obwohl die Kasachen eine ethnische Gruppe sind, und wir, wir sind Russen. Wir sprechen nicht Kasachisch. Theoretisch ist das die Amtssprache, doch die meisten Leute, die wir kennen, sprechen nur Russisch."

Unendliche Steppen

Wir fahren entlang der Grenze von Kasachstan. Hier erstreckt sich ein Hochgebirge bis nach China. Auf der anderen Seite Steppe, fast eine Unendlichkeit, die bis nach Sibirien reicht. Kasachstan ist ein gigantischer Teppich im Herzen der eurasischen Tiefebene, als neuntgrößtes Land der Erde hat es etwa die Größe Westeuropas.

Im Gegensatz zu den anderen Republiken, die auf "-stan" enden, ist es diesem Land gelungen, sich aus regionalen Rangeleien herauszuhalten. Man verfolgt hier andere Zielsetzungen. Präsident Nursultan Nasarbajew hat ein Programm "Kasachstan 2030" vorgelegt, mit dem er das Land zur fünften Erdölmacht der Erde machen will, indem er dem dirigistischen Entwicklungsprogramm Malaysias folgt.

Herrschender Klan

Anderentags hatte in Almaty der mutige Chefredakteur der unabhängigen Wochenzeitung Epocha, Tulegen Askarow, für uns eine Liste der Besitztümer des Nasarbajew-Klans erstellt. Sie verteilen sich um drei Pole, nämlich die drei Töchter des Staatschefs und deren Ehemänner.

Diese drei Ehepaare kontrollieren das ganze Land. Askarow hat eine Liste der Minen-, Erdöl-, Medien-, Industrie-, Tourismus- und Finanzkartelle zusammengestellt, die sie gebildet haben. Wahrscheinlich wäre es einfacher gewesen aufzuzählen, was sich nicht im Besitz der Familie Nasarbajew befindet.

Nasarbajews Amtsantritt war viel versprechend gewesen. Seine ersten Worte als Staatschef hatten ihm im Westen Bewunderung eingebracht. Er verwendete "Marktwirtschaft" und "Menschenrechte" in einem Atemzug. Aber die Öffnung dauerte nur bis Ende der 90er-Jahre: gerade lang genug, um den US-Erdölkonzern Chevron anzuziehen, mit der Ausbeutung der riesigen Erdölfelder von Tengis zu beginnen und auf allen Machtposten Mitglieder seiner erweiterten "Familie" zu postieren. Seit einigen Jahren versucht er, die Opposition und unabhängige Medien mundtot zu machen.

Die nächsten Präsidentschaftswahlen sind für 2006 angesetzt. Der Präsident müsste dann seinen Platz räumen - falls die Verfassung nicht geändert wird und er ein viertes Mal für das Amt kandidieren kann. Der Westen zeigt mit dem Finger auf ihn? Die Berichte von NGOs über Menschenrechtsverletzungen häufen sich? Nasarbajew kümmert das anscheinend nicht.

Fische mit Fliegen

Unser Zug hält am Ufer des Balchaschsees. Eine Schar zerlumpter Frauen stürzt sich auf uns. "Fische aus dem See", rufen sie und schwingen Zander, Karpfen und Hechte von beachtlicher Größe. Angesichts der ebenfalls angelockten Fliegen halten wir uns jedoch zurück.

Unsere beiden russischen Begleiter tun das nicht. Kaum hat sich der Zug wieder in Bewegung gesetzt, verspeisen sie einen Karpfen und spülen ihn mit Wodka hinunter.

Zeitig in der Früh erreichen wir Astana, eine ziemlich eigenartige Stadt, die Chruschtschow Anfang der 50er-Jahre erbaute, im Rahmen eines grandiosen sowjetischen Entwicklungsprojekts, das aus Kasachstan eine Kornkammer der UdSSR machen sollte, bald jedoch in Vergessenheit geriet.

Bis endlich 1994 Präsident Nasarbajew beschloss, Astana zu seiner neuen Hauptstadt zu erheben; Almaty (vormals Alma-Ata) schien ihm zu wenig zentral und zu sehr den chinesischen Territorialansprüchen ausgesetzt. Seither sind die Bauarbeiten hier in vollem Gange.

Zwei zylindrischen Türme

Wir befinden uns am Fuße eines postmodernen Baus aus zwei zylindrischen Türmen, die in 50 Meter Höhe durch einen verglasten Metalltunnel verbunden sind. Es ist der Geschäftssitz von Kazmunaigaz, der staatlichen Erdöl- und Gasgesellschaft. Es erscheint Ruslan Bultrikov, ein energischer Mann in den Dreißigern, die Karikatur eines westlichen Managers, sehr höflich.

"Verstehen Sie, Kasachstan entwickelt sich gut, wir haben Erdöl für 50 Jahre, aber ich habe nicht das Recht, mit Ihnen darüber zu sprechen, verstehen Sie." Bevor er uns vor die Türe setzt, ist er jedoch bereit, uns sein Fenster zu öffnen, das einen Panoramablick auf das neue in Bau befindliche "kasachische Washington" freigibt.

Im Vorzimmer warten sichtlich nervös zwei Amerikaner. Sie wollen sich nicht vorstellen. Aber die Aktenmappe, die sie unter dem Arm halten, verrät sie. Darauf steht der Firmenname ihres Auftraggebers, Baker & Botts, und der Name des Projekts "Ölfeld von Karatschaganak".

Schlauer Fuchs in der Erdöldiplomatie

Es ist eine Studie des Anwaltsbüros von James Baker, dem Außenminister des älteren George Bush, ein schlauer Fuchs in der Erdöldiplomatie. Zu Beginn unserer Reise hatten wir sein Institut an der Rice-Universität in Houston besucht.

Es ist Zeit, Astana zu verlassen, um uns ans andere Ende des Landes zu begeben, ganz nach Westen. In Atyrau, an den Küsten des Kaspischen Meeres, hat sich das Unglaubliche ereignet: Eine Erdölfirma hat uns ihre Tore geöffnet, und wir können das größte Erdölfeld besichtigen, das seit 30 Jahren entdeckt wurde.

"Aber natürlich", hatte uns die PR-Chefin der italienischen Agip am Telefon gesagt. "Sie werden am Flughafen von Atyrau abgeholt." Wir sind misstrauisch: Die Amerikaner haben uns immer vertröstet. Und die französische Total hatte in Angola diese Taktik noch perfektioniert.

Kasachisches Eldorado

Der Abholer der italienischen Ölfirma ist wirklich da, aber er ist in Eile. "Man erwartet Sie im Privathotel von Agip", sagt der Chauffeur. Vor nicht allzu langer Zeit war Atyrau noch ein trostloses sowjetisches Loch, bis es eines Tages die Erdölfunde in ein kasachisches Eldorado verwandelten.

Ein gigantisches neues Hotel steht nun da, aus bläulichem Metall. Chevron, das seit zehn Jahren 300 Kilometer weiter auf dem gigantischen Ölfeld von Tengis (on-shore) bohrt, hat Tausende Arbeitsplätze für die Einheimischen geschaffen und für die Ausländer eine Stadt in der Stadt errichtet, ein riesiges Areal mit modernsten Sicherheitsvorkehrungen.

Enormes Ölfeld unter Wasser

In Kaschagan, am Nordrand des Kaspischen Meeres, hat man ein enormes Ölfeld unter Wasser gefunden, zwischen sechs und neun Milliarden Barrel, das größte weltweit seit Prudhoe Bay in Alaska zu Beginn der 70er-Jahre. Die Italiener übernehmen die Führung des internationalen Firmenkonsortiums Agip KCO, das eine präzise Schätzung der Reserven anstrebt.

Das einzige Problem ist das Meer. Wir sind zwar off-shore, aber hier ist das Kaspische Meer nur zwei Meter tief, maximal zehn Meter. Im Winter unterbricht das Eis die Arbeiten, im Sommer werfen starke Winde hohe Wellen auf. Und dann gibt es auch noch die Gefahr von ausströmendem Erdgas.

Wir fliegen im Helikopter zu der neuesten der zehn Bohrplattformen. Einer unserer Sitznachbarn, ein gutmütiger Muskelprotz, stammt aus Missouri. Es ist seine erste Off-shore-Mission in Kasachstan.

Vor sechs Monaten schwitzte er noch auf einer Plattform in Nigeria. Sein rechter Nachbar ist Russe, er kennt die Gegend und ist alsbald eingeschlafen. Der Hubschrauber, ein Sikorsky-76, überfliegt seit zwanzig Minuten die Sümpfe entlang der Küste. Endlich sind wir in Aktote, 100 Kilometer von Atyrau entfernt.

Zwei Monate für 3000 Meter

Vor wenigen Wochen hat man hier mit den Bohrungen begonnen. "Wir sind jetzt in 300 Meter Tiefe und brauchen noch zwei Monate, um bis in 3000 Meter vorzudringen", erklärt uns ein Texaner, der sich als Curtis vorstellt und der den Bohrkopf von seinem elektronischen Pult aus steuert.

Er kommt aus Midland, der Stadt George W. Bushs. Wo man sich nicht überall trifft! Das Erdöl - Curtis ist dazu gekommen, als er noch klein war. Vater, Mutter, Brüder, Schwester, Ehefrau, seine ganze Familie macht in Öl. "Cool, nicht?", schreit er, als der Bohrkopf seine Arbeit in den zähflüssigen Eingeweiden der Erde wieder aufnimmt.

Der uns begleitende Turiner wirkt elegant, selbst in seiner orangen Arbeitskleidung: Er trägt seinen Helm wie einen Panama-Hut. Er sieht auf die Uhr und sagt: "Wir müssen auf eine andere Plattform, der Hovercraft fährt jede Minute ab."

Im Luftkissenboot

Das seltsame Gefährt fliegt 15 Zentimeter über der Wasseroberfläche auf seinem Luftkissen dahin. "Das geht hier besser als auf dem Saint-Laurent-Strom", scherzt der kanadische Pilot, der stammt aus Quebec stammt. "Wir erzielen Spitzengeschwindigkeiten von 80 Stundenkilometern, und im Winter gibt es auf dem Eis noch weniger Reibungswiderstand."

Die Plattform von Kairan ähnelt der vorherigen, sie ist nur kleiner. Wenn alles gut geht und die Installation des Bohrturms abgeschlossen ist, wird man sofort mit der Bohrung eines neuen Lochs beginnen.

Am selben Abend sind wir in La Cabana, dem Lieblingsnachtclub der Ausländer in Atyrau. Hier vermischen sich zwei Stämme: der amerikanische Chevron-Stamm mit der europäischen Agip-Sippe. Es gibt schottische und südafrikanische Fahnen, Neonwerbung für irisches und australisches Bier. Technomusik, Plastikpalmen und kasachische Mädchen. Bezahlte Liebe ist von Erdöl nicht wegzudenken. Die Stadt Atyrau träumt davon, ein neues Emirat zu werden. Sein Vorteil gegenüber Dubai? Die Mädchen sind hier zu Hause.

Milliarden Barrel Ölreserven gibt es in Kaschagan, Milliarden in Tengis, wo die Förderung flott vorangeht. Milliarden Dollar Einkünfte für den kasachischen Staat. In Almaty hatte Tulegen Askarow von der Zeitung Epocha die mysteriöse Rechenaufgabe rund um das kasachische schwarze Gold nicht auflösen können, in einem Land, in das seit seiner Unabhängigkeit 20 Milliarden Dollar an Investitionen geflossen sind, um seinen Erdölsektor auszubauen.

Fehlende Milliarde

"Wir haben im Jahr 2002 fast eine Million Barrel pro Tag produziert. Bei einem Durchschnittskurs von 25 Dollar macht das neun Milliarden Einkünfte. Davon schöpfen die ausländischen Firmen ihren Anteil ab, zwischen 50 und 60 Prozent, entsprechend ihrem Vertrag mit der Regierung. Unser Staat behauptet, vorletztes Jahr etwas mehr als eine Milliarde Dollar an Erdöleinnahmen aus Steuern und Lizenzen kassiert zu haben. Wie ich es auch berechne, es fehlt eine Milliarde!"

Schwarzes Gold oder ein schwarzes Loch? Tulegen Askarow erzählt uns auch die Episode von "Kasachgate", welcher die Justiz in der Schweiz und in den Staaten nachgeht - eine weitere verschwundene Milliarde: Almaty hatte vor einigen Jahren seine Anteile am Ölfeld von Tengis verkauft, diese wurden in der Folge von Chevron erworben.

Einen Teil des Geldes fand man in Schweizer Banken wieder, ein anderer Teil landete bei einer Reihe von Zwischenmännern, darunter der amerikanische Geschäftsmann James Giffen, ein ehemaliger Berater des Präsidenten Nasarbajew, der dann von einem New Yorker Gericht verurteilt worden ist.

Im Zuge der Ermittlungen verblasste der Ruf des kasachischen Monarchen zusehends. Eine fehlende Milliarde, gestohlen? "Gar nicht wahr", hatte der Präsident behauptet. "Das ist eine Reserve für künftige Generationen, die an einem sicheren Ort deponiert worden ist." (DER STANDARD Printausgabe, 03.01.2004, Serge Michel, Serge Enderlin)

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  • Das Tor zu China im Kaspischen Raum
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    Das Tor zu China im Kaspischen Raum

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