Familienbande

30. September 2004, 15:15
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Dem einen Lust, dem anderen Last - ist Familie ein Auslaufmodell? - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Feiertage, Ferienzeit - Zeit für die Familie. Dem einen Lust, dem anderen Last - ist Familie ein Auslaufmodell? Quer durch die Milieus nimmt die Sehnsucht nach Familie zu. Gleichermaßen ausgeprägt ist jedoch der Wunsch nach beruflichem Erfolg und Selbstverwirklichung. Die Familie lebt also, aber sie ist einer Zerreißprobe ausgesetzt zwischen veränderten Rollen, Wünschen und Notwendigkeiten für ein glückliches Zusammenleben.

Werte wie Vertrauen und Loyalität als Basis jeder Gemeinschaft sind in einer Zeit verstärkter Veränderungen noch mehr gefordert - dafür umso wertvoller: als Wettbewerbsfaktor für ganze Nationen - weil Selbstverantwortung und -organisation samt Gemeinsinn und Engagement im Rückzug des Staates wieder aufblühen müssen - und für Unternehmen. Immerhin sind in Österreich 80 Prozent Familienunternehmen, die über 60 Prozent aller Erwerbstätigen beschäftigen.

Diese sind - und bleiben - Motor der Wirtschaft gerade in schwierigen Zeiten. Sie haben Zukunft, wenn sie von den Erfolgs- und Misserfolgsgeschichten großer Familiendynastien - ob Fugger oder Medici, Rothschild oder Wallenberg bis zu Bertelsmann, Benetton und Barilla - lernen:

1 Zusammenhalt und Freiraum sichern: "Amschel, halt mir die Geschwister beisammen, dann werd' ihr die reichsten Leute in Deutschland", beschwor Meyer Amschel Rothschild auf dem Sterbebett seinen ältesten Sohn. Die fünf Brüder gründeten Bankniederlassungen in Frankfurt, Paris, Wien, London und Neapel - das erste multinationale Unternehmen und die weltweit bedeutendste Bank des 19. Jahrhunderts.

Daraus ist eine der wenigen, heute noch unabhängigen Finanzgruppen mit weltweit 19 Firmen entstanden. Klare Werte und starke Kultur mit greifbaren Symbolen schaffen Vertrauen und machen "Einheit" erfahrbar. Auch für Familien gilt: Wo es genug Freiraum für den einzelnen gibt, sind sie Rückhalt und Refugium.

2 Alte Erfahrungen mit neuen Ansichten verbinden: Familienstreit ist der größte Wertvernichter. Viele Familien und Unternehmen scheitern am klassischen Generationenkonflikt: je stärker, je "unternehmerischer" die Persönlichkeiten, umso heftiger - weil in der Familie immer auch Emotionen und Irrationalitäten als Verstärker ins Spiel kommen.

Die Verantwortung obliegt den Älteren, aber die Jungen müssen ihren Beitrag leisten - so wie bei Benetton, wo jedes Familienmitglied seine klare Verantwortlichkeit hochprofessionell erfüllt.

Im positiven Fall wird die Kombination aus dem Erfahrungskapital, langfristiger Perspektive und kreativen Ideen zum Erfolgsgaranten.

Droht aber das Unternehmen an seinen Streitigkeiten zu zerbrechen, so ist - wie bei Bahlsen - eine Realteilung oder ein Verkauf vorzuziehen.

3 Nach Fähigkeiten differenzieren, für klare Spielregeln sorgen: Mit der Vererbung von Namen und Vermögen geht nicht immer die Vererbung der Talente und Interessen einher. Seit den "Buddenbrooks" ist die Tragik "ungeeigneter" Nachfolger ein fast so klassischer Literaturstoff wie die unglückliche Ehe.

Die Abwägung - Familienloyalität hier, Managementfähigkeiten da - ist oft schwer. Klare Spielregeln und Leistungstransparenz sind hierfür unabdingbare Voraussetzung - auch um attraktiv für Externe zu sein. Haniel oder Henkel, Porsche oder Mayr-Melnhof haben diese Erfolgsvoraussetzungen konsequent geschaffen, in der Familie wie im Unternehmen.

Familiennetzwerke sind die Erfolgsbasis ganzer Kulturen - von China bis Italien - vom "Erfolg" der Familie profitiert die Gesellschaft in jeder Hinsicht. An diesem Lebens- und Wettbewerbsfaktor zu arbeiten, ist eine Pflicht - weil es auf die Familie ankommt, und was man daraus macht. (DER STANDARD Printausgabe, 03.01.2004)

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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