Geheimnis der fliegenden Heizdecken

26. Dezember 2005, 11:39
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Oder: Was Vierschanzen- tourneebeobachter schon immer über Skispringer und Sex wissen wollten, aber vielleicht angesichts der erotischen Ausstrahlung der heimischen Fliegerstaffel noch nie zu fragen wagten - ein Kommentar der anderen von Vranzobel

Haben Buchstaben einen Hintersinn? Der russische Dichter Velimir Chlebnikov hat Anfang des vorigen Jahrhunderts eine Theorie über die Buchstabenbedeutung aufgestellt, wonach unter anderem L-Wörter für gedehnte, erdnahe Dinge stehen: Licht, Latten, Landschaft, Liegestuhl usw., S-Wörter was Geschwungenes vermitteln: Schlange, Slalom, Salat, Skisprungschanze usf. Helmut Qualtinger ist noch weiter gegangen, wollte alle Wörter mit U abschaffen, weil in ihnen Unanständigkeit und Unmoral zu Hause sind: Kuss, Hure, Puff, Unterrichtsministerium.

Buchstabendeutelei

Freilich kann man das als Jux, der dann allerdings auch abgeschafft wäre, abtun, gelegentlich scheint an dieser Buchstabendeutelei aber doch was dran zu sein. Zum Beispiel beim Vogel-V. Weibliche Vornamen etwa, wenn sie mit einem V anheben, deuten eine gewisse sexuelle Bereitschaft an, als wären Beine weit gespreizt. Freilich wissen die Verenas, Vilmas und Veronikas dieser Welt davon vermutlich nichts, ist dieser zarte Beigeschmack doch nicht viel mehr als eine Ahnung, vergleichbar jenem nur von ganz sensiblen Nasen feststellbaren Hauch, den jemand, der nach dem Einkauf Klopapierrollen unter die Achsel geklemmt hat, als WC-Odeur mitträgt - wenn auch nur visuell.

Den Skispringern ist mit der Umstellung zum V-Stil etwas Ähnliches passiert. Plötzlich haftet diesen Bürschchen, androgyne Wesen eigentlich, die in ihren Flatteranzügen aussehen wie fliegende Heizdecken, etwas Begehrenswertes an. Plötzlich sind bei der Vierschanzentournee - auch so ein V-Wort - Transparente zu lesen, auf denen sich offensichtlich weibliche Fans, oder besser: veibliche Vans, einzelnen Springern mit "Ich will ein Kind von dir" offerieren.

Vielleicht sind diese Vamp-Fans ja von den zusammengerollten Körpern inspiriert, die wie Faschingspfeifchen die Sprungschanze hinunterschleichen, um sich plötzlich zu entrollen, zu versteifen und wie Flöten durch die Himmelskuppel pfeifen. Skispringen ist das Mit-den-Elementen-Kopulieren der nördlichen Hemisphäre. Was im brasilianischen Karneval mit exzessivem Hüftkreisen zu Ehren der Pacha Mama geschieht, ist hier ein milchgesichtiges Luftstechen. In leise sich regender Sinnlichkeit wird der Kopf nach vor gereckt. Die angefeuchteten Lippen festgepresst, die Arme angelegt, gleichen die Skispringer den todesmutigen Samenzellen in Woody Allens "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten".

Kastraten der Lüfte

Dabei sind die dünnen Hüpfer wohl die heutige Form früherer Kastratensänger, ausgestellte Kasteiungen. Vielleicht sind sie deshalb gerade in den Weihnachtsfeiertagen so beliebt. Während die keks- und marzipanschweinschwangeren Bäuche vor dem Fernseher verdauen, segeln pubertierende Bulimiker durch die Luft, lassen einen die Schwere der Feiertage im Körper vergessen, die lang schon wieder gebrochenen Vorsätze fürs neue Jahr.

Trotz der K.-o.-Duelle im ersten Durchgang ist Skispringen aber nur mäßig spannend, konzentriert sich doch alles auf den Höhepunkt am Schluss, der Rest ist V(!)orspiel. Trainer stehen auf Türmen und warten, bis sich in den Elementen eine Lücke zeigt, in die sie ihre Schützlinge dann winken. Kampfrichter werten wie bei einer Schönheitskonkurrenz, selbst der V-Stil ist akzeptiert, hat er doch aus Sportlern Boygroupstars, aus einer Randsportart ein Großereignis gemacht. Nur einer, der Schwede Boklöv nämlich, wird sich furchtbar ärgern, dass das V in seinem Namen just am falschen Ende steht, sonst wäre dieser aufreizende Sprungstil endgültig nach ihm benannt, dem Vorreiter in Sachen V. Verdammt. (DER STANDARD Printausgabe 03./04. 01. 2004)

Vom Dichter Vranzobel alias Franzobel, vohnhaft in Vienna, gelangte zuletzt am Volkstheater das Stück "Mozarts Vision" zur Aufführung.
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