Die Küche und der Krieg

9. Jänner 2004, 12:07
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Peter Handke in der "edition korrespondenzen"

Dieser Verlag - Franz Hammerbachers Wiener "edition korrespondenzen" - kann nicht mit einem etablierten Markennamen, einer Art von Mercedes-Stern, prunken. Aber Mercedes-Sterne und Markennamen werden, wie jüngst das Beispiel "Suhrkamp" zeigte, ohnehin abmontiert. Außerdem zählen auch nicht trendige Farben, sondern die Qualität des Motors. Die "edition korrespondenzen" werden angetrieben von einem starken, aber absolut nicht "trendigen" Programm (Texte aus Tschechien, Slowenien, Serbien: missachtete Nachbarn). Anstelle eines Porträts dieses Verlages soll hier ein neues Buch daraus vorgestellt werden:

Peter Handke hat der "edition" einen Text geschenkt, den er für den Regisseur Mladen Materic und dessen Theater in Toulouse auf Französisch geschrieben hatte; 2002 gastierte das Theater damit auch bei den "Wiener Festwochen": Die Küche/La Cuisine. Es ist Handkes erster im Original auf Französisch geschriebener Text, bei Gallimard 2001 erschienen, für diesen Band vom Autor selbst übersetzt.

Es ist auf den ersten Blick kein Theatertext. Auf den zweiten ist es einer, der neue Formen für das Theater sucht, die möglichst viel "Luft" in den geschlossenen Raum bringen möchten: Erzählung, Litanei, "Dialog, Trialog, Tetralog, Pentalog etc.", auch Chansons, die sich übrigens nicht gut übertragen lassen. Es gibt aber, neben der Verbindung zum Theater, eine ebenso wichtige Verbindung zur Prosa: Die kreisenden "Versuche" - über die Jukebox, über die Müdigkeit, über den geglückten Tag - mit denen Peter Handke zwischen 1990 und 1992 überraschte: Auch die "Gebildeten unter seinen Verächtern" merkten, dass hier Alltagsdinge in neuen Formen umkreist, dass diese mit Stadt- und Weltgeschichte verknüpft wurden, immer aber leicht, nie im einengenden Predigtton.

Hier die Küche. Ein zugleich privater wie öffentlicher Raum, genauer: aus dem Schnittpunkt von beidem bildet sich der Ort, in der Spannung zwischen Gewalt und (bedrohtem) Glück: "Meine Mutter hat mir erzählt" - so eine der sich entfaltenden Stimmen - "daß die debile Tochter eines Nachbarn schwachsinnig geworden sei, weil sie, als Kleinkind ständig schreiend, von ihrer Mutter auf die heißen Herdplatten gesetzt wurde, um zum Schweigen gebracht zu werden". Daneben ein Glück, wie es von alten holländischen Stillleben ausgeht - Früchte, Gemüse, durchscheinendes Licht: Nur dass bei Handke bombardierende Flugzeuge einbrechen; nur dass es auch Herrschaftsküchen und damit Unterdrückung gibt; nur dass einen in Küchen im Krieg die Nachrichten vom Tod der Söhne "auf dem Feld der Ehre" ereilen; nur dass dort auch das Sieden des Kessels am Tag des Schweineschlachtens gehört wird; nur dass in einem Eimer in der Küche sich eine leere Tablettenschachtel findet, "die Tabletten geschluckt von meiner Mutter am Vorabend ihres Todes". - Eine Anmerkung: Mich zum Beispiel interessieren, des bedrohlichen Gemütsdunstes halber, Küchen überhaupt nicht (trotz der Küche, in der Kafka mit seinem Vater allabendlich Karten spielen musste; trotz der Küche der Großmutter Ilse Aichingers in der Hohlweggasse; trotz der Küche Nadeshda Mandelstams in Moskau): Warum aber interessiert dann dennoch dieser Text? Weil er Freiheit schafft, noch weniger seines "Inhalts" als seiner Form wegen; weil Peter Handke hier, im scheinbaren "Nebenbeisprechen", geglückter über Geschichte und Gegenwart sprechen kann als in anderen Formen. Vielleicht ist es das: Dass hier eine Form gefunden wurde, ein möglicher Ausweg. (DER STANDARD, Printausgabe vom 3./4.1.2004)

Von Richard Reichensperger

Peter Handke, "
Warum eine Küche?"
Wien: edition korrespondenzen, 2003, 54 Seiten, € 12

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