"Und dann: lange Jahre der Umsicht . . ."

9. Jänner 2004, 12:07
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Ford Madox Fords Gesellschaftsstudie "Manche tun es nicht"

Ein Mann und eine Frau können und wollen nicht mehr miteinander leben. Der Befreiungsschlag bleibt aus. Das führt zu quälenden Abhängigkeiten und Versuchen, sich mit der gesellschaftlichen Norm zu arrangieren. Aber: Der Mann, permanent gedemütigt von Seitensprüngen seiner Frau, liebt eine anderes Mädchen. Dennoch verharrt er letztlich im alten Teufelskreis. Manche tun es nicht, im Original Some do not, ein Roman des britischen Autors und Kritikers Ford Madox Ford (1873 - 1939), erst kürzlich ins Deutsche übertragen - dieses Buch beharrt geradezu inständig auf einer immergleichen, allertraurigsten Geschichten, um - 1924 erstmals publiziert - zu veranschaulichen, was in der britischen Gesellschaft knapp vor dem ersten Weltkrieg irreversibel ins Rutschen geraten ist.

Ford, Zeitgenosse, Freund und Mitarbeiter von Giganten wie Henry James, Joseph Conrad, D. H. Lawrence oder Wyndham Lewis, hält sich dabei weniger im Bereich der hochweisen Konversationen über verschobene Moralvorstellungen auf (obwohl auch das manchmal höchst witzige Dialog-Bausätze ergibt). Nein, er verhält sich eher wie ein Maler, lässt Momente einfrieren und dann quasi in die Tiefe, in Vor- und Rückblenden weiterschwingen - oft auch unter recht symptomatischen, symbolträchtigen Umständen.

So ergibt sich das erste Gespräch der anfänglich wenig aneinander interessierten Verliebten bei einem Frühstück, das in einer Pfarrersstube sehr sinnträchtig von Turner-Gemälden umrahmt ist. In deren orangefarben aufgewühltem Schatten, in dem wilde Beschleunigungen eines neuen Jahrhunderts kurz angehalten werden, um seltsam klare Unkenntlichkeiten zu ergeben, inszeniert Ford so etwas wie ein altes Kammerspiel, das aus diversen Gründen - Geld, Technologie, etc. - nicht mehr funktioniert.

Eine alte Dame, die sich der Literatur verschrieben hat, versucht, einen Freund des Protagonisten Christopher Tietjens als Kritiker ihrer jüngsten Publikation zu gewinnen. Der Pfarrer ergeht sich in vulgären Beschimpfungen. Er "vergisst" sich. Nebenan huldigt seine Frau, die Gastgeberin, denkwürdigen Phantasien eines Seitensprungs, von denen der Autor jetzt schon weiß: "Sie würden Seite an Seite auf dem Rasen wandeln, in aller Öffentlichkeit, im warmen Lichte, würden sich über belanglose, aber schöne Werke der Poesie unterhalten, etwas angegriffen, aber unter elektrisierenden Spannungen, die ihre Leiber miteinander austauschten . . . Und dann: lange Jahre der Um- sicht . . ."

Seitensprung ist hier dezidiert keine Alternative. Die wahren Gefängnisse sind in den einzelnen Köpfen, egal, ob hier nun Held Tietjens eine brillanter Logiker und Logist ist, oder ob seine Freundin sehr vehement neue Frauenrechte einfordert. So entsteht eine eigentümliche Kluft zwischen rhetorischem Vermögen, modernem Wissen und einer Ahnung, dass diese Gesellschaft au dem Körper und dem Korsett, das sie sich nun einmal erfunden hat, so bald nicht herausfindet.

Manche tun es nicht ist nach Die allertraurigste Geschichte (erschienen in Hans Magnus Enzensbergers Anderer Bibliothek) und nach Romance: Bezauberung (einem gemeinsam mit Joseph Conrad verfassten experimentellem "Abenteuerroman") erst das dritte Buch von Ford Madox Ford, das ins Deutsche übersetzt wurde. Eigentlich kein Wunder in einer literarischen Landschaft, in der man etwa eine anständige und vor allem vollständige Gesamtausgabe von Henry James vergeblich sucht. Hoffentlich hat das Buch genug Leser, dass also auch die weiteren Bände der Tietjens-Tetralogie, deren Auftakt es eigentlich darstellt, in den Handel kommen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 3./4.1.2004)

Von Claus Philipp

Ford Madox Ford
Manche tun es nicht. Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Joachim Utz.
434 Seiten/19,90 Euro. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2003

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