Die Achsen des Blöden

6. Jänner 2004, 19:35
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Auf dem Buchmarkt riecht es wieder einmal nach der "jüdischen Weltverschwörung". Ein Überblick

Eigentlich ist sie nur die große Schwester des Gerüchts, und trotzdem hat sie in der Weltgeschichte Verheerendes angerichtet: die Verschwörungstheorie. Stalin wähnte sich von Verschwörern umringt und ließ die Partei "säubern", und Hitlers - schon damals leider keineswegs neue - Vorstellung einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung kostete Millionen von Menschen das Leben. George W. Bush bemüht sie öfters, Michael Moore sowieso, und Henry Kissinger sagte einmal, "wer in Washington nicht paranoid ist, muss verrückt sein".

Warum also sollte, was in der Politik gilt, im Privaten anders sein? "Traue nicht der Realität", rät die Fernsehserie Die Akte X, in welcher der arme Fox Moulder immer ganz knapp davor steht, die große Verschwörung aufzudecken, und es dann doch nie schafft. Abseits des Fernsehens hat das World Wide Web Gleichgesinnte aller Herren Länder zu einer wahren Ökumene des Verschwörungsdenkens vernetzt. Wer sich in einschlägige Newsgroups oder Foren begibt oder auch nur seine E-Mails liest, stößt schnell auf "Enthüllungen" der unglaublichen Sorte: Zum Beispiel ist die Lungenkrankheit Sars die Machenschaft eines chinesischen Regierungskomplotts; Elvis, der selbstverständlich noch lebt, hat John F. Kennedy erschossen; das Weiße Haus regieren Aliens, und auf den Toiletten der Mc-Donald's-Schnellrestaurants werden Kunden geklont.

Tatsache ist, dass noch nie zuvor gleichzeitig so viele Verschwörungstheorien kursierten wie in unserer angeblich aufgeklärten und bis zur Langweiligkeit rationalen Zeit. Was also ist los mit uns, mit unseren Gesellschaften? Historiker, etwa Rudolf Jawroski im lesenswerten Sammelband Verschwörungstheorien. Anthropologische Konstanten - historische Varianten, sagen, dass gesellschaftliche Erschütterungen und radikale Umbrüche des Wertesystems, wie sie gerade im Gange sind, stets von Verschwörungstheorien begleitet waren. Frustriert von der Zusammenhanglosigkeit der Realität fahnden Konspirationsfans nach Sinn, Komplexitätsreduktion - und nach Schuldigen. Zufälle gibt es in ihrem Weltbild keine mehr, alles hat einen geheimen Sinn, Verschwörungstheoretiker sind falsche Propheten der Kohärenz.

Verschwörungstheorien hat es immer schon gegeben, wie ein roter Faden ziehen sie sich von der Bibel über Shakespeare, Dumas, Dostojewski bis zu Pynchon durch die Weltliteratur. Die Geschichtswissenschaft setzt sich daher schon länger mit ihnen auseinander, in letzter Zeit auch Soziologen und Psychologen. Sie warnen davor, Verschwörungstheorien als krankhafte Kopfgeburten einzelner Fanatiker und Spinner zu begreifen, weil so der taktisch-strategische, sprich agitatorische Umgang mit Verschwörungstheorien außer Acht gelassen werde. Auch in ihren absonderlichsten Übersteigerungen weisen diese auf Einstellungen, Meinungen und Erwartungshaltungen hin, die breiter in der Gesellschaft verankert sind.

Hier wird es interessant - und unbequem. Denn auf dem Sachbuchmarkt riecht es in den letzten Jahren nach Verschwörung. Nicht nur im deutschen Sprachraum kommen im Sog des 11. September 2001 "Sachbücher" auf den Markt, die - statt durch Recherchen tatsächliche Widersprüche aufzudecken - Spekulationen aus dem Internet, Behauptungen und offene Fragen zusammen mit antisemitischen Ingredienzen zu einem explosiven Cocktail mischen. "Nichts verkauft sich heute so gut wie miserable Bücher über die große Weltverschwörung", klagt etwa die Süddeutsche Zeitung. Die NZZ spricht vom "Amoklauf einer entfesselten Fantasie", und der Spiegel widmete vor einigen Wochen seine Titelgeschichte "Panoptikum des Absurden" dem "9-11 Komplott".

Im Zentrum des Geschehens stehen der Sozialdemokrat und einstige Forschungsminister im Kabinett von Helmut Schmidt, Andreas von Bülow, mit seinem Buch Die CIA und der 11. September (Auflage 75 000) und der ehemalige taz-Feuilletonist Mathias Bröckers. Letzterer ist der heimliche Star der Branche, sein Band Verschwörungen, Verschwörungstheorien und Geheimnisse des 11. 9. , den er am Jahrestag der Anschläge vorlegte, hat sich in 23 Auflagen 175.000-mal verkauft und ist das erfolgreichste Buch, das der Verlag 2001 je herausbrachte. Soeben ist Bröckers zweiter Band Fakten, Fälschungen und unterdrückte Beweise des 11. 9. zur großen Konspiration erschienen.

Das alles wäre nicht weiter schlimm, und man würde Bülow und Bröckers ihre Tantiemen von Herzen gönnen, wenn die beiden nicht eine These aus dem Giftschrank der Geschichte klauben würden, die man als gutgläubiger Mensch jedenfalls in unseren Breiten gut verschlossen wähnte: die These von der jüdischen Weltverschwörung. So schreibt Bülow, dass "nur ein israelisches Opfer am 11. 9." in den Türmen des World Trade Center zu beklagen war, aber eine "Reihe von Indizien" zu finden seien, die "auf eine wie immer geartete Verbindung des israelischen Mossad zu der Tat und den Tätern weisen". Im Internet kursierte schon kurz nach den Anschlägen das Gerücht, 4000 im WTC beschäftigte Juden seien am 11. September nicht zur Arbeit erschienen. Die jüdische Anti-Defamation-League in New York erhob daraufhin eine Zahl von mehreren Hundert jüdischen Opfern.

Bei Bröckers klingt es ähnlich, er mischt in seine Ausführungen ein angebliches Zitat von Ariel Sharon: "Wir, die Juden, kontrollieren Amerika, und die Amerikaner wissen das." Ganz nebenbei bringt er auch die Protokolle der Weisen von Zion ins Spiel. Er kolportiert damit ein Pamphlet, das - obwohl es schon früh als Fälschung entlarvt wurde - im letzten Jahrhundert verheerende Wirkung zeigte, in fast alle Kultursprachen übersetzt wurde und eine ähnliche Auflagenhöhe wie die Bibel erreicht. Adolf Hitler hat nach eigenen Angaben aus den Protokollen "enorm gelernt". Ursprünglich dienten sie im zaristischen Russland dazu, Pogrome zu legitimieren, später drängten sie die Mörder Walter Rathenaus zur Tat. 1920 druckte die Londoner Times den Text in einer Artikelserie ab, um ein Jahr später eine Klarstellung zu bringen. Fazit: einwandfrei gefälscht, zum Teil ein verfremdetes Plagiat. Was nichts daran ändert, dass die Protokolle heute das Feindbild islamischer Fundamentalisten zementieren. Auch bei anderen aufklärungsresistenten, dafür umso entschlosseneren Kämpfern geistern sie weiter herum: Bei den "Christian Patriots" in den USA ebenso wie bei nationalrussischen Chauvinisten und in rechtslastigen europäischen Esoterikzirkeln, die ihre Sucht nach "geheimem Wissen" durch wilde Spekulationen über verborgene Weltmächte befriedigen.

Worum geht es also: In 24 "Protokollen konspirativer Sitzungen einer designierten jüdischen Weltregierung" plaudert ein "Weiser von Zion" ziemlich unvorsichtig das Programm zur vollständigen Übernahme der Weltregierung aus. Viel haben sie schon, diese Weisen, doch sie wollen alles haben. Alle Bereiche des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen, juristischen, kirchlichen, künstlerischen, akademischen Lebens werden von ihnen und ihren Helfershelfern unterwandert. Bevorzugte Hebel sind wenig überraschend das Börsen- und Finanzwesen, die Presse und alles Intellektuelle, das zersetzend wirkt. Die christlichen Völker sollen durch Revolutionen, Kriege und Anarchie zermürbt und durch Rationalismus, Materialismus und Atheismus zersetzt werden. Auf den Trümmern der alten Ordnung soll eine zentralistische, patriarchale Diktatur mit einem König aus dem Hause David errichtet werden. Als wohltätiger Despot wird er über eine geordnete und durch gegenseitige Bespitzelung perfekt kontrollierte Welt herrschen.

Es ist erstaunlich, wie selten die Protokolle als Antizipation des Spitzelstaates und damit auf die beiden großen Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts bezogen werden. Hannah Arendt bemerkte als eine der wenigen: "Die Nazis begannen mit der ideologischen Fiktion einer Weltverschwörung und organisierten sich mehr oder weniger bewusst nach dem Modell der fiktiven Geheimgesellschaft der Weisen von Zion." In diesem Zusammenhang ist es interessant zu wissen, dass die Protokolle in Nazi-deutschland ab 1939 nicht mehr aufgelegt wurden und ein bereits druckfertiges Buch Der jüdische Antichrist und die Protokolle der Weisen von Zion zurückgehalten wurde.

Verfasser dieses zurückgehaltenen "Werks" war Sergej Nilus (1862-1929), ein fanatischer russischer Wanderprediger und selbst ernannter Mystiker, der als erster die Protokolle 1905 als vermeintlich authentisches Dokument herausgab. Zuvor war schon eine vom zaristischen Geheimdienst Ochrana aus Hermann Goedsches Schauerroman Biarritz (in dem es um die Unterwanderung der christlichen Welt durch die Juden geht) und Marice Jolys "Dialogue aux Enfers entre Machiavel et Montesquieu" (der mit Juden oder Judentum nichts zu tun hat) zusammengeschusterte Version in Umlauf gewesen - allerdings nur für den zaristischen Hausgebrauch. Erst in Nilus' Fassung zeigte das Pamphlet breitere Wirkung. Als Herausgeber der Protokolle hat er es dann auch zur literarischen Figur gebracht. In Danilo Kis' Erzählband Enzyklopädie der Toten (€ 20,50, Hanser) treibt er ebenso sein Unwesen wie in Umberto Ecos Roman Das Foucaultsche Pendel (€ 13,40, dtv). Diesen kann man auch als literarische verbrämte Enzyklopädie okkulter Lehren und Weltverschwörungstheorien lesen.

1933 erstattete die Israelitische Kultusgemeinde Bern und der Schweizerische Israelitische Gemeindebund Strafanzeige mit der Begründung, die "Protokolle" seien ein Verstoß gegen das Berner Schundgesetz. Experten prüften die Echtheit des Pamphlets und kamen zum selben Schluss wie die Times: eine plumpe Fälschung, in Teilen ein Plagiat. Das Urteil des Schweizer Richters vom 14. Mai 1935 schloss mit den Worten: "Ich hoffe, es werde eine Zeit kommen, in der kein Mensch mehr begreifen wird, wieso sich im Jahre 1935 ein Dutzend sonst ganz gescheiter und vernünftiger Leute vierzehn Tage lang vor einem bernischen Gericht über die Echtheit oder Unechtheit dieser so genannten "Protokolle" die Köpfe zerbrechen konnten, die bei allem Schaden, den sie bereits gestiftet haben und noch stiften mögen, doch nichts sind als ein lächerlicher Unsinn".

Der gute Mann sollte sich täuschen, bis heute sind die Protokolle ein Verkaufsschlager - nicht nur in der islamischen Welt. In den letzten Jahren erschienen in Russland, Großbritannien, Italien, Australien und Argentinien Neuauflagen. In Frankreich liegen die Protokolle an den Zeitungskiosken auf, und in den USA sind seit 1990 über 30 Neuauflagen erschienen.

Ob Bröckers und Bülow glauben, was sie sagen? Die Antwort ist weniger wichtig als die Frage, ob es die Leser tun. Es beunruhigt daher weniger, dass antisemitische Meinungen "keine solchen sind, sondern Vorbereitung zur Mordveranstaltung großen Stils", das hat schon Sartre gesagt, und die Geschichte beweist es fast täglich. Irritierender ist hingegen, dass solche Ansichten auch bei sonst durchaus zurechnungsfähigen, nicht ewig gestrigen Zeitgenossen als diskussionswürdig gelten, Nahostkonflikt oder die unsägliche amerikanische Politik hin oder her. Der Schritt von der ewigen Suche nach Verschwörern bis zur Aufnahme eigener konspirativer Tätigkeit ist übrigens erstaunlich kurz, wie der Horrortrip eines jungen Amerikaners namens Timothy McVeigh zeigt. Mit einer morbiden Faszination für Verschwörungstheorien und dem vagen Verdacht, dass ihm der US-Geheimdienst einen Mikrochip ins Gesäß eingepflanzt habe, fing alles an. Mit 168 Bombenattentatsopfern in Oklahoma City und der Exekution des zum Verschwörer gewordenen Verschwörungstheoretikers endete es. Der Literaturwissenschafter John Sutherland inspizierte in der London Review of Books das "Bücherbord des Bombers" und fand dort die "Turner Diaries". Kopien dieses Buches, das seit Jahren in der rechtsradikalen Szene der USA die Runde macht, wurden auch in McVeighs Auto gefunden. Es geht darin um die Befreiung der von den Juden gesteuerten Zentralregierung der Vereinigten Staaten.

McVeigh hätte gut daran getan, ein Verschwörungstraktat weniger und den einen oder andern Philosophen mehr zu lesen. Es hätten nicht einmal Aufklärer sein müssen, Nietzsche hätte gereicht. Denn er, der sich zum Schluss selbst als Verschwörungsopfer sah, hatte in einem seiner letzten lichten Momente vor dem finalen Absturz in den Wahnsinn eine unmissverständliche Warnung an die Adresse aller Verschwörungstheoretiker hinterlassen: "Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er dabei nicht zum Ungeheuer wird." (DER STANDARD, Printausgabe vom 3./4.1.2004)

Von Stefan Gmünder

Ute Caumanns, Mathias Niendorf (Hg.),
Verschwörungstheorien.
€ 32,-/225 Seiten. fibre Verlag, Osnabrück 2001.

Jeffrey L. Sammons (Hg.),
Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlage des modernen Antisemitismus - eine Fälschung. Text und Kommentar.
€ 30,70/128 Seiten. Wallstein, Göttingen 1999.

Norman Cohn,
"Die Protokolle der Weisen von Zion". Der Mythos der jüdischen Weltverschwörung.
€ 25,50/ 347 Seiten. Ria, Baden-Baden 1998.

Hadassa Ben-Itto, "Die Protokolle der Weisen von Zion". Anatomie einer Fälschung.
€ 10,30/419 Seiten. Aufbau, Berlin 1999.

Andreas von Bülow,
Der CIA und der 11. September.
€ 13,50/271 Seiten. Piper, München 2003.

Mathias Bröckers,
Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.
€ 13,20/359
Seiten. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt/Main 2002.

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