Erst die Gängelung, dann der Markt

8. Jänner 2004, 13:00
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Aus Trotz gegen die Unterdrückung: Rumäniens Jazz zu Gast im Wiener Porgy & Bess

Wien - Man sagt, sie wären gleichsam natürliche Konfliktparteien gewesen: die autoritäre Gleichschaltungspolitik des Kommunismus einerseits und der individualistische Geist afroamerikanischer Musik, insbesondere des Jazz, andererseits.

Doch nicht überall sorgte die Projektion ideologischer Oppositionshaltung in die improvisierten Klänge für eine (relative) Blüteperiode derselben. Während sich in den 60er-Jahren in der DDR der Free Jazz entwickelte und Polen ab Ende der 50er zu einem veritablen Jazz-Land mutierte, blieben andere Nationen weiße Flecken auf der einschlägigen Landkarte.

Dass Rumänien kaum international bekannte Jazzmusiker hervorgebracht hat, ist naturgemäß eine Folge der repressiveren Verhältnisse. Die poststalinistische Tauwetterperiode setzte hier spät ein, und sie war kurz. Noch 1959 wurde der Pianist Richard Oschanitzky nach Bekanntwerden seiner Jazzaktivitäten als "Feind des Volkes" vom Studium an der Bukarester Hochschule ausgeschlossen, erst 1964, nach der "Unabhängigkeitserklärung" der rumänischen KP, verließ die Improvisationsmusik die "Katakomben". Die Phase der begrenzten Liberalisierung endete bereits 1971, als Nicolae Ceau¸sescu sein Land nach nordkoreanischem Vorbild abzuschotten und eine gnadenlos antiintellektuelle Kulturpolitik zu verfolgen begann.

Internationale Kontakte wurden verboten, nationale Aushängeschilder wie die Pianisten Yancy Körössy oder Eugen Cicero, die das Land in Richtung USA bzw. Deutschland verlassen hatten, totgeschwiegen. Während das Regime Volksliedmassenereignisse in Sportstadien organisierte, stand Popmusik im Fadenkreuz der Zensur: Jazz hatte als weitgehend textlose Improvisationsmusik mit stillschweigender Duldung zu rechnen. 1989 wurde die ideologische Bevormundung durch die Unbarmherzigkeit der Marktgesetze ersetzt; die schlechte Wirtschaftslage verstärkte gerade unter Jazzern die Tendenz zur Emigration nach Westeuropa.

Kreuzungsversuche

Dass Rumänien allen Unbilden zum Trotz einige kraftvolle musikalische Charaktere hervorgebracht hat, die zumeist in originellen Kreuzungen afroamerikanischer Traditionen und rumänischer Volksmusik zu eigener Stimme gefunden haben, weiß man hierzulande nicht zuletzt durch Saxofonist Nicolas Simion, der bereits Ende der 80er nach Wien übersiedelte.

Simion, mittlerweile Wahlkölner und als "inoffizieller Anführer der Diaspora des rumänischen Jazz" bezeichnet, ist einer der Unverwüstlichen, die im Rahmen des sechstägigen Step Across The Border-Länderschwerpunkts in Erscheinung treten, mit dem das Wiener Porgy & Bess seine Osteuropa-Investigationen fortsetzt. Mircea Tiberian, der als Leiter der Jazzabteilung an der Bukarester Musikhochschule die rumänische Szene nach wie vor von innen befruchtet, wird neben dem nunmehr in Schweden beheimateten Pianisten-Jungstar Ion Baciu zu hören sein.

Der "rumänische Cecil Taylor" Harry Tavitian trifft (heute, Samstag) auf den in London lebenden Crossover-Violinisten Alexander Balanescu, der (morgen, Sonntag) auch solo zu erleben sein wird. Gemeinsam lässt man mit diesem Festival das noch immer täglich präsente Erbe einer bedrückenden Geschichte einen Schritt weiter hinter sich. (DER STANDARD, Printausgabe vom 3./4.1.2004)

Von
Andreas Felber

Info

3. 1.-9. 1. 20.00
Porgy & Bess
1., Riemergasse 11
Karten:
Tel. (01) 512 88 11

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