Erdbebenforschung 7000 Meter unterm Meer

8. Jänner 2004, 14:17
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Japan plant, in einen Erdbebenherd hineinzubohren und dort Messstationen zu installieren

Hamburg - Das internationale Tiefseebohrprogramm startet in eine neue Phase. Von einem Spezialschiff aus wollen die Meeresforscher in bisher unzugängliche Regionen vordringen: in den Erdmantel und in Erdbebenherde.

Seit 35 Jahren werden die die Böden der Ozeane erforscht; 1274 Bohrlöcher wurden gemacht. Eine Untersuchung von Tiefseebohrkernen bestätigte etwa die Theorie der wandernden Erdplatten. Für das neue Integrierte Tiefseebohrprogramm (IODP), stellen 22 Länder mit 2,2 Milliarden Euro bis 2013 mehr Mittel den je zur Verfügung. Österreich ist nicht dabei.

Die IODP-Forscher setzen auf ein neues Schiff: die von Japan erbaute, 600 Millionen Euro teure "Chikyu" ("Erde"). Ihr Bohrturm ragt 114 Meter über die Wasserlinie hinaus. Sie bietet einer 100-köpfigen Besatzung und 50 Wissenschaftern Platz.

Die wichtigste Neuheit an der "Chikyu" aber ist die Bohrtechnik. Denn bisher war oftmals das Risiko, Gaslagerstätten anzubohren, zu groß: Ausströmendes Gas hätte das Bohrgestänge wie ein Mikado-Stäbchen aus dem Bohrloch gedrückt, aufsteigende Gasblasen das Schiff zum Sinken gebracht. Nun ummantelt den Bohrstrang der "Chikyu" ein Rohr, in dem der erbohrte Schlamm zirkuliert, sodass sich der Druck im Bohrloch am Meeresgrund nicht verringert - Explosionen bleiben aus. Die Forscher können in Regionen bohren, in denen sie die Energiereserve der Zukunft vermuten: Gashydrate.

Achillesferse

Die Bohrtechnik erlaubt zudem den Vorstoß in neue Tiefen. Bisheriger Rekord ist ein 2111 Meter tiefes Loch bei Guatemala. Der neue Bohrer aber kann bei einer Wassertiefe von 4000 Metern noch weitere 7000 Meter vordringen.

Mit dieser Technik, die hohen Temperaturen und hohem Druck standhält, wollen die Forscher nun bis zum Erdmantel vorstoßen - über den es bisher nur indirekte Informationen gibt. Die Grenze zwischen Erdkruste und -mantel unter den Meeren befindet sich nicht wie unter den Kontinenten in über 30 Kilometern, sondern manchmal in nur zwei Kilometern Tiefe.

Spektakulär dürfte ein von japanischen Forschern geplantes Projekt sein: die Bohrung in einen Erdbebenherd hinein. Japan ist von Erdbeben bedroht, weil sich vor seiner Küste Erdplatten übereinander schieben. Nur vom Meer aus ist es möglich, zwei Platten gleichzeitig anzubohren und so Einblicke in die unter extremer Spannung stehenden Zonen zu erhalten. In den Bohrlöchern sollen Messstationen installiert werden, die von der Achillesferse der Erdkruste Informationen an die Erdbebenstationen senden.

(DER STANDARD, Print, 02.01.2004)

Axel Bojanowski
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