Haiti: Verletzte bei Protesten zur Unabhängigkeitsfeier

7. Jänner 2004, 06:50
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Schüsse auf Aristide und Mbeki - Polizei ging brutal gegen Demonstranten vor - Präsident will im Amt bleiben, verspricht aber Parlamentswahlen

Port-au-Prince - Während der Feiern zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeit Haitis sind bei schweren Zusammenstößen zwischen Gegnern und Anhängern der Regierung mindestens acht Menschen verletzt worden. Der zu den Feiern geladene südafrikanische Präsident Thabo Mbeki blieb in der Hauptstadt Port-au-Prince, nachdem Unbekannte in der nordwestlichen Stadt Gonaives Schüsse auf einen Hubschrauber seines Voraustrupps abgaben, wie die Polizei in Pretoria am Freitag mitteilte. Ebenfalls in Gonaives wurde eine Wagenkolonne beschossen, in der Haitis Staatspräsident Jean-Bertrand Aristide nach den Feierlichkeiten in der Hauptstadt unterwegs war.

Tausende Demonstranten forderten Aristides Rücktritt

In Port-au-Prince ging die Polizei mit Waffengewalt und Tränengas gegen tausende Demonstranten vor, die Aristides Rücktritt forderten. Laut Krankenhausangaben erlitten zwei Menschen Schussverletzungen. Unbeeindruckt von den Protesten proklamierte Aristide in Anwesenheit von Mbeki vom Präsidentenpalast in der Hauptstadt vor zehntausenden Anhängern "200 Jahre Freiheit für ein Jahrtausend des Friedens". Er versprach noch für das Jahr 2004 Parlamentswahlen "mit Beteiligung der Opposition und der Zivilgesellschaft", ohne einen genauen Termin zu nennen.

Mbeki rief zu "Kette der Solidarität" auf

Mbeki, der einzige Staatschef unter den Vertretern aus 24 ausländischen Delegationen, nannte in seiner Ansprache den Unabhängigkeitskampf in Haiti "eine der größten Revolutionen der Geschichte". Er rief zu einer "Kette der Solidarität" auf, um "Armut, Unterentwicklung und Instabilität" zu bekämpfen und "Demokratie und Toleranz" zu erreichen.

Aristide bleibt im Amt

Aristide kündigte an, dass er bis zum Ende seines fünfjährigen Mandats im Februar 2006 im Amt bleiben werde. Die Opposition fordert dagegen den Rücktritt des Staatschefs vor einem Urnengang. Aristides Gegner werfen ihm diktatorische Methoden, Korruption und Versagen im Kampf gegen die weit verbreitete Gewaltkriminalität in dem verarmten Karibikstaat vor.

Mbeki schoss nicht zurück

Ein Sprecher der südafrikanischen Polizei sagte in Pretoria, die Schüsse auf den Hubschrauber von Mbekis Voraustrupp seien von südafrikanischer Seite nicht erwidert worden. Nach Angaben des Präsidentensprechers wird Mbeki Haiti wie geplant am Samstag verlassen. Aristide brach seinen Besuch in Gonaives unterdessen vorzeitig ab und kehrte nach Port-au-Prince zurück.

Unabhängigkeitserklärung

In Gonaives hatte General Jean-Jacques Dessalines nach dem Sklavenaufstand und dem Sieg über die napoleonischen Truppen am Neujahrstag 1804 Haitis Unabhängigkeit von Frankreich erklärt. Die Stadt ist ein Brennpunkt der Proteste gegen Aristide. Bei Auseinandersetzungen zwischen Oppositionellen und Sicherheitskräften wurden dort seit Ende September 36 Menschen getötet.

Zweite Amtszeit

Aristide hatte im Februar 2001 nach einer umstrittenen Wahl seine zweite Amtszeit als Staatsoberhaupt angetreten. Seine erste Amtszeit hatte der frühere Armenpriester und Hoffnungsträger der Armen im Februar 1991 nach Jahren der Diktatur unter Jean-Claude Duvalier begonnen. Doch ein Militärputsch trieb Aristide nur sieben Monate später ins Exil in die USA. Erst nachdem die USA Ende 1994 militärisch in Haiti intervenierten, kehrte Aristide ins Präsidentenamt zurück, das er bis zum Februar 1996 innehatte. Da eine unmittelbare Wiederwahl nicht möglich war, folgte ihm für fünf Jahre sein Freund Rene Preval im Amt.

Bei den Feiern zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeit ist es in Haiti am Donnerstag zu schweren Ausschreitungen gekommen. Wie der Sender Radio Metropole berichtete, schossen in der Stadt Gonaives Aufständische auf eine Wagenkolonne, in der Präsident Jean Bertrand Aristide und sein südafrikanischer Amtskollege Thabo Mbeki unterwegs waren. Südafrikanische Soldaten, die Mbeki begleiteten, und haitianische Polizisten hätten das Feuer erwidert. Beide Präsidenten konnten den Informationen zufolge unversehrt per Hubschrauber in die Hauptstadt Port-au-Prince zurückkehren. Dort gingen Polizei und militante Aristide-Anhänger brutal gegen friedliche Demonstranten vor.

Demonstrationen gegen Aristide

Schon seit der Früh hatten in Port-au-Prince tausende Oppositionelle gegen Aristide demonstriert. Ein massives Polizeiaufgebot hinderte sie daran, zum Nationalpalast zu gelangen, wo zu diesem Zeitpunkt Aristide und Mbeki einen Festakt abhielten. Aristide wiederholte seine Forderung an die frühere Kolonialmacht Frankreich, Haiti eine Entschädigung in Höhe von 21,7 Milliarden US-Dollar (17,4 Mrd. Euro) zu zahlen. Mbeki sagte, der Freiheitskampf der haitianischen Sklaven, die vor 200 Jahren ihre französischen Herren vertrieben hatten, sei ein Beispiel für die Befreiung der Schwarzen in aller Welt gewesen.

Opferanzahl unbekannt

Nach dem Festakt in Port-au-Prince flogen Aristide und Mbeki per Hubschrauber nach Gonaives, 60 Kilometer nördlich von Port-au-Prince. Die Hafenstadt, in der am 1. Jänner 1804 die Unabhängigkeit ausgerufen wurde, wird seit Wochen von Unruhen erschüttert. Die dort beheimatete "Anti-Aristide-Front" hatte in der Nacht zum Donnerstag die Zufahrtstraßen mit Motoröl übergossen und den Hauptplatz mit Exkrementen überschüttet. Mehrere Polizeifahrzeuge verunglückten. Aristide hielt in Gonaives nur eine kurze Rede von etwa zehn Minuten und kehrte dann mit Mbeki zum Hubschrauber zurück. Wie viele Menschen bei den Schießereien verletzt oder getötet wurden, war zunächst nicht bekannt.

Polizeirevier niedergebrannt

Den Rundfunkberichten zufolge brachte die Anti-Aristide-Front am Donnerstag den nördlich von Gonaives gelegenen Ort Gros Morne unter ihre Gewalt. Sie hätten dort das Polizeirevier niedergebrannt und zwei Polizisten schwer verletzt, hieß es. In Port-au-Prince feuerte die Polizei am Nachmittag Tränengas auf die Demonstranten ab. Mehrere Demonstranten wurden verletzt. Autos wurden umgeworfen und ein Teil der Demonstranten errichtete brennende Barrikaden. "Es sieht aus wie auf einem Schlachtfeld", meldete ein Radioreporter.

Älteste Nation Amerikas

Mit ihrer 200-jährigen Geschichte ist Haiti die nach den USA älteste Nation des amerikanischen Kontinentes. Das Land fand aber nie zu einer stabilen Entwicklung und ist heute das mit Abstand ärmste der westlichen Hemisphäre. Die Opposition in Haiti fordert seit langem den Rücktritt des Präsidenten, dem sie Korruption und Machtmissbrauch vorwirft. (APA)

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    Schon im November protestierten zehntausende Menscheng egen Korruption und Drogenhandel und forderten den Rücktritt des Präsidenten Jean-Bertrand Aristide. Bei der 200-Jahre-Feier der ältesten amerikanischen Nation eskalierten die Proteste.

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