Zu Hause Pascha, draußen Untermensch

11. Jänner 2004, 19:19
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In vielen Trabantenstädten Frankreichs herrscht nackte Gewalt - der Bericht einer Vergewaltigten rüttelte die Öffentlichkeit auf

Sie heißt Samira Bellil, ist außerhalb von Paris aufgewachsen und hat schon mehr erlebt, als ihr lieb ist. "Sam" war 14 Jahre alt, als sie das erste Mal Opfer einer Reihenverwaltigung wurde, einer so genannten "tournante". Ihr Fall ist einer unter vielen. Bekannt wurde er einer breiteren Öffentlichkeit nur, weil Samira ein Buch dazu veröffentlichte. Dies löste eine ganze Kette von Reaktionen aus. Die Franzosen konnten die Augen nicht länger vor den barbarischen Sexualriten verschließen, die in den Vorstädten einreißen.

Samira Bellil berichtete nicht nur über die "tournantes", sondern das ganze Umfeld, die Alltagsgewalt in den Banlieue-Bezirken. Und die hat seit einigen Jahren massiv zugenommen, wie Samira heute erzählt. Mittlerweile dreißig geworden, arbeitet sie als Animatorin in einer Schule von Saint-Denis. Sie scherzt gerne und meint, nach 15 Jahren sei sie über ihre traumatischen Erfahrungen hinweg. Wenn sie über ihre Schülerinnen spricht, wird sie aber sofort ernst. "Ihr Leben ist wie eine Gefangenschaft. Ihre Eltern verbieten ihnen oft, auf einen Schulausflug mitzugehen - weil sie dort andere Burschen treffen könnten." Die eigentlichen Urheber des Verbotes seien aber meist nicht die Eltern, sondern die Brüder. "Einzelne haben mir schon bedeutet, alle Frauen außer ihrer Mutter seien Schlampen."

Mehr Zwangsheiraten

Ja, die Lage sei schlimmer denn je. Die erste Einwanderergeneration, die in Frankreich in den Sechziger- und Siebzigerjahren angekommen sei, habe sich noch um ihre Integration bemüht und sei dabei vom Staat auch unterstützt worden. Um die neuen Einwanderer aus Nordafrika, dem früheren Jugoslawien, Kurdistan, Ruanda kümmere sich aber kaum jemand mehr. "Die leben in ihren Gettos, und Worte wie Laizität, Kultur oder ,Frankreich' sagen ihnen nichts mehr." Dafür nähmen die Zwangsheiraten wieder zu, meint Samira. An einem Gesprächsabend rund um ihr Buch habe ein Mädchen kürzlich unter Tränen berichtet, wie es einem viel älteren Mann versprochen worden sei. "Als der Abend zu Ende ging, wurde sie von ihren Brüdern abgefangen. Die geben Acht, dass sie Jungfrau bleibt."

Die Experten haben die tieferen Ursachen längst genannt: Faustrecht des Vorstadtdschungels und Jugendarbeitslosigkeit von bis zu 50 Prozent in einzelnen Vierteln; mediterraner Machismus, islamische Strenge und sexuelle Unterentwicklung. Wie sollen die jungen Maghrebiner-Burschen die Welt verstehen, wenn sie in ihren Familien wie Paschas behandelt werden, außerhalb ihres Viertels aber wie Untermenschen, wenn sie auf Job- oder Wohnungssuche gehen?

Auch in ihrer Beziehung zum anderen Geschlecht sehen sie nicht mehr klar: Die erotisierte Fernsehwelt kontrastiere mit ihren religiösen Vorstellungen, wozu namentlich die Unberührbarkeit und Reinheit der Frau gehört. Dies erklärt Josée Stoquart, die Samira Bellil bei deren Buchprojekt begleitet hat. "Der Flirt ist ihnen untersagt, die Freundschaft zwischen Buben und Mädchen auch, und die sexuelle Spannung ist geschärft. Die einzige Sexualerziehung, die diese Jugendlichen erhalten, ist die der Pornofilme."

Laut Josée Stoquart nimmt die Polizei pro Jahr bis zu tausend Minderjährige fest, die der (kollektiven oder alleinigen) Vergewaltigung Gleichaltriger beschuldigt werden. Die Dunkelziffer bei den "tournantes" dürfte laut der letzten "nationalen Erhebung über Gewalt an Frauen" das Zwanzigfache übersteigen.

Nach der Haft Zuhälter

Die Medien berichten heute über die spektakulärsten Prozesse, so etwa, als ein Maghrebinermädchen in Paris von elf Burschen "umgedreht" (tourné) wurde. Sie erhielten mehrjährige, teils bedingte Gefängnisstrafen. Samiras Schänder musste sechs seiner acht Haftjahre absitzen. Heute ist er Zuhälter im zweiten Stadtbezirk von Paris.

Nach dem Aufbrechen des Falls Bellil machte ein Frauenkollektiv mit Fußmärschen durch das ganze Land auf sich aufmerksam. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, nennt es sich "ni putes ni soumises" - "weder Huren noch Unterworfene". Anfangs waren es ein halbes Dutzend Teilnehmerinnen, dann schwoll die Bewegung innerhalb von wenigen Wochen an, als sich ihrer auch Frauenzeitschriften wie Elle annahmen.

Dank dieser Märschen ist das Tabu der "tournantes" heute keines mehr. Samira Bellil wurde von Premierminister Jean-Pierre Raffarin empfangen. "Es war sehr nett, und er stellte viele Fragen", erzählt Samira. "Aber jetzt haben uns diese Politiker längst wieder vergessen. Ein Grund mehr, weiterzumachen." Die Regierung Raffarin hatte sich den Kampf gegen die Kriminalität, Gewalt und Unsicherheit schon bei den letzten Wahlen 2002 auf die Fahnen geschrieben. Gemäß der Organisatorin der Banlieue-Märsche, Fadela Amara, verpufft die Wirkung solcher Anstrengungen aber so lange, wie der soziale und wirtschaftliche Niedergang der Trabantenstädte weitergehe. Während Frankreich in den 90er-Jahren insgesamt einen Aufschwung erlebt habe, seien die Vorstadtviertel in dieser Zeit mehr denn je heruntergekommen. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.1.2004)

  • "ni putes ni soumises" - "weder Huren noch Unterworfene" - ein Frauenkollektiv macht mit Märschen nach dem Fall Bellil auf sich aufmerksam

    "ni putes ni soumises" - "weder Huren noch Unterworfene" - ein Frauenkollektiv macht mit Märschen nach dem Fall Bellil auf sich aufmerksam

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