Das Urteil Machiavellis

14. Jänner 2004, 20:14
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Michael Häupl hat in der Auswahl seiner Stadträte den ersten Missgriff getan - Kommentar von Roman Freihsl

Michael Häupl hat sich schon lange als begeisterter und gelehriger Leser von Niccolò Machiavelli geoutet. Also müsste ihm ja auch folgendes Zitat aus "Der Fürst" gut bekannt sein. Da steht im Kapitel "Von den Ministern": "Das erste Urteil, das man sich über einen Herrscher und über seinen Verstand bildet, beruht auf jenen Personen, die ihn umgeben." Wenn man nun die Bilanz dieser Wiener Stadtregierung ansieht, so wäre das Urteil kein sehr gutes, "da er den ersten Missgriff in ihrer Wahl getan hat", wie es Machiavelli in seiner Herrschertheorie formulierte. So gesehen wäre es also 2004 höchst an der Zeit, dass der Wiener Bürgermeister die offensichtlichen Schwächen in seinem Team beseitigt.

Wobei man den unter Beschuss geratenen Mitgliedern des Stadtsenates nicht nachsagen könnte, dass sie nicht "tüchtig" oder illoyal wären. Das Problem ist vielmehr, wie sie mit Problemen umgehen. Nämlich erst einmal gar nicht - oder derart, dass immer wieder der Bürgermeister eingreifen und Stadträte entmündigen muss. Wenn etwa nach dem Auftauchen des Lainz-Berichtes die Konsequenzen erst Tage später von Häupl bekannt gegeben werden - und die zuständige Stadträtin nicht einmal danebensitzt. Oder wenn er seiner Umweltstadträtin über die Medien ausrichten lässt: Die Müllverbrennung am Flötzersteig wird entgegen allen anderen verkündeten Plänen nicht geschlossen - und aus. Da braucht man nicht mehr lange zu analysieren, was da im Rathaus schief läuft.

Bei der Kür der neuen Stadtregierung muss daher nicht nur auf Fachwissen geachtet werden, sondern verstärkt auch auf politisches Geschick. Und dazu gehören einmal erhöhte Kommunikationsfähigkeit, strategisches Geschick und vor allem ein gerüttelt Maß an Krisenmanagement. (DER STANDARD, Printausgabe 2.1.2004)

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