Angola - reiches Land, armes Volk

19. April 2005, 11:34
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Das begehrten Erdöl korrumpiert das politische System des Landes und bringt den meisten Bewohnern nur Not und Armut

Luanda - "Was suchen Sie hier? Erdöl?" Bernardo Azevedo, ein hoch gewachsener, bärtiger Schwarzer, verstellt uns den Weg zu dem Strandabschnitt, über den er die Aufsicht hat. Erst nach langen Diskussionen fordert er uns auf, ihm zu folgen.

Der Weg führt an alten Lagerhäusern aus der Zeit der Portugiesen vorbei. Frauen sitzen am Strand und entschuppen Fische, direkt in den Sand. Andere haben auf ihrem Kopf Kleidungsstücke aufgetürmt, die sie auf den nahe gelegenen Markt von Roque Santeiro bringen, einen der größten Marktplätze Afrikas.

Schwarzer Sand

Azevedo pfeift zwei Männer herbei, die mit einer Schaufel angelaufen kommen. Er befiehlt ihnen, ein Loch zu graben. Nach einigen Schaufeln wird der Sand schwarz, kurz darauf gurgelt dunkles Öl aus dem Boden des Trichters. Ein Kind beugt sich hinunter und füllt es in eine Cola-Flasche, die es lachend hochhält.

Öl einen halben Meter unter der Erdoberfläche? Glückliche Angolaner - wo noch auf der Welt findet sich ein derart ergiebiger Boden?

Wir blicken uns um. Überall nur Dreck und tiefste Armut. An der Küste rostet ein Schiffswrack. Richtung Stadt erstreckt sich das Elendsviertel von Boavista. Am glücklichsten dran sind hier noch die Bewohner der höheren, unterhalb der felsigen Uferstraße gelegenen Hütten, weil die dort residierenden Botschaften jede Nacht ihre Abfallkübel mit Essensresten ausschütten.

In Boavista gibt es weder Strom noch fließendes Wasser. Bei Einbruch der Dunkelheit, gegen 19 Uhr, kommt das Leben hier zum Stillstand. Es ist nicht lange her, da gingen die Einwohner heimlich an den Strand und holten sich Erdöl, um ihre Hütten zu beleuchten.

Explosives Öl

Als jedoch die Behörden davon Wind bekamen, verboten sie die wilde Ölsucherei mit der Begründung, das Öl sei explosiv. Eine Hand voll Leute, darunter Azevedo, erhielten die Amtsgewalt. "Der Sektor, den ich befehlige, erstreckt sich vom Wrack zur Linken bis zum großen Abfallplatz ganz rechts", erklärt er.

Mit seiner Truppe befüllt er fünfzehn 200-Liter-Fässer pro Tag, verlädt diese auf Eselskarren und verkauft sie um acht Dollar pro Fass an die Total-Raffinerie am Ende des kleinen Hafens.

Dieser Strand liefert ein anschauliches Beispiel für die Lage in Angola: ein reiches Land, ein armes Volk. Eine Million Barrel Erdöl werden pro Tag exportiert, Erdölkonzerne haben in nur fünf Jahren 20 Milliarden Dollar investiert, das Hinterland ist reich an Diamanten.

Offshore

Das Erdöl befindet sich offshore und wird auf Plattformen gefördert, deren Tiefbohrungen alle Rekorde brechen. Offshore sind auch die Konten der Machthaber, hier fließen Schwarzgelder von Ölfirmen und Waffenhändlern zusammen.

Elf Millionen Angolaner leben jedoch onshore. Ein Drittel der Kinder stirbt an Hunger oder Krankheiten vor Erreichen des fünften Lebensjahrs, 83 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, 70 Prozent haben keinen Zugang zu Trinkwasser, zehn Millionen Landminen gefährden die Gegend. 500.000 (nach anderen Angaben mehr als eine Million) Tote gab es in dem Bürgerkrieg, der 2002 mit dem Tod des Chefs der Rebellen der Unita, Jonas Savimbi, ein Ende fand.

Pater Jorge Casimiro Congo feiert seine Messe zeitig in der Früh, doch ist seine Kirche in Cabinda am Ufer des Atlantiks an diesem Sonntag bereits überfüllt. Draußen sitzen mehrere Hundert Gläubige im Hof. Drinnen singen und tanzen Frauen mit blauen Tüchern auf dem Kopf das "Ave Maria".

Angeprangertes Unrecht

Nach seinem Studium in Rom kehrte der Pater in sein Heimatland zurück. Regelmäßig prangert er das Unrecht an, das die Einwohner erdulden müssen, die Einschüchterungen und Mordversuche, denen er ausgesetzt ist. Er sympathisiert mit der Guerillatruppe Flec, die mit Unterstützung der Bevölkerung von Cabinda gegen die Regierung kämpft.

Heute Morgen predigt er aus den Evangelien. Doch schon bald schweift seine Predigt ab. "Wir sind die Kinder der Gnade Gottes. Er befreit die Seelen von Körpern, Völkern, Nationen." Und gleich danach: "Gott kann nicht wollen, dass wir auf diese Weise leben müssen. Die Regierung unterdrückt uns und bringt uns um. Allein die Existenz des Volkes von Cabinda ist ihr schon ein Dorn im Auge. Sie behandelt uns, als wären wir Kühe, die ihre Erdölfelder abweiden."

Die Cabinda Gulf Company, im Besitz von ChevronTexaco unter Beteiligung von Total und Agip, fördert 420.000 Barrel pro Tag (60 Prozent des angolanischen Erdöls) in Cabinda, einer kleinen Enklave von 160.000 Einwohnern, einem Vermächtnis, das Portugal nach seinem überstürzten Aufbruch aus Afrika 1975 Angola hinterließ.

Eingezwängt

Eingezwängt zwischen der demokratischen Republik Kongo (ehemals Zaire) und Kongo-Brazzaville, ist Cabinda vom Rest Angolas durch den Kongo-Fluss und ein schmales Territorium unter der Kontrolle Kinshasas getrennt. Cabinda besteht aus drei getrennten Gebieten. Am Meer liegt der Teil, wo Erdöl produziert wird. Im Landesinneren ist Urwald, hier wird gekämpft. Dazwischen eine Stadt und einige Dörfer, in denen die Bevölkerung in größter Armut dahinvegetiert.

Beginnen wir mit der Erdöl-basis, die 1968 15 Kilometer weit von der Stadt Cabinda in der kleinen Ortschaft Malongo gegründet wurde. Sie wird auch "Little America" genannt, weil hier Amerikaner (und Europäer) wohnen. Sie verfügen über einen Flughafen, eine kleine Raffinerie für den Eigenbedarf, ein E-Werk und Supermärkte. Wir fahren die Befestigung entlang, eine Doppelreihe Stacheldraht, daneben ein Minenfeld.

Insel des Luxus

Was tut sich auf der anderen Seite der Abzäunung? Wir fragen Ernesto Rodriguez, einen ehemaligen Angestellten der Cabinda Gulf Company. Er beschreibt eine Dreiklassengesellschaft: an der Spitze 500 angelsächsische und portugiesische Einwanderer, die nach der Dekolonisierung hier geblieben sind, gemeinsam mit 1500 Angolanern, meist Mestizen; bedient werden sie von 900 Cabindanern (Köche, Chauffeure, Putzfrauen).

Rodriguez zog sich einen gefährlichen Ruf als Aktivist zu, als er rassistische Übergriffe anprangerte und versuchte, die Leitung der Ölbasis für die Enklave zu interessieren. "Ich habe erreicht, dass Chevron eine Schule gebaut hat. Aber als ich nach ein paar Jahren vorschlug, eine weitere Schule zu errichten, sagte man mir: 'Unser Auftrag ist das Erdöl, nicht der Schulbau.'"

Grausamkeiten

Im Urwald operieren 2000 Guerilleros der Flec, die in zwei Parteien gespalten sind: die Flec-renovada und die Flec-FAC, gegen die 10.000 Regierungssoldaten 2002 eine Großoffensive unternommen haben. Ein niederschmetternder Bericht einer Stiftung des US-Finanzmanns und Philanthropen George Soros listet detailliert die Grausamkeiten auf, die einerseits von den Luanda-Truppen begangen wurden (Massaker, Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren, systematische Vergewaltigung von Frauen und jungen Mädchen, Folterungen, Deportationen ganzer Dörfer, Plünderungen, Zerstörung der Ernten), andererseits durch die Guerilla (Entführungen von Ausländern und gewaltsame Einhebung einer Kriegssteuer - jenen, die nicht zahlen, werden Nase und Ohren abgeschnitten).

Bleibt die Bevölkerung, von Ölleuten und Kämpfenden in die Enge getrieben. Ihr Elend beginnt 300 Meter vom Eingang der Ölbasis entfernt, im Ort Futila. Hier hatte sich Chevron vor acht Jahren bereit erklärt, eine Volksschule zu errichten. Hier verteilt sich aber auch das Erdöl, das aus den alten Anlagen im Meer austritt, an der Küste, was den Fischfang ruiniert und immer wieder Vergiftungen bei den Einwohnern verursacht.

Ein einziges Mal, im Dezember 1999, wurden die Ölfirmen gezwungen, die Küsten zu reinigen und die Fischer zu entschädigen. Damals kam eine schwarze Flut, deren Ausmaß die üblichen, alle fünf, sechs Monate auftretenden Erdöl-Überschwemmungen bei weitem übertraf. "Das Leben hier ist unerträglich", sagt ein Bewohner. "Keine Arbeit, kein Trinkwasser, seit sechs Monaten kein Strom, nicht einmal für die Kirche."

Fünf Stunden warten auf Benzin

Das Leben in der Stadt Cabinda ist kaum besser. 70 Prozent der Einwohner haben kein Trinkwasser. Im Durchschnitt steht man fünf Stunden Schlange, wenn man Benzin tanken will an der einzigen Tankstelle dieser Enklave. Nachts jedoch, wenn eine Unterbrechung der Stromversorgung auch die wenigen Häuser mit Stromanschluss in Dunkelheit taucht, hat man hier keine Orientierungsprobleme: In der Ferne leuchtet die Basis hell wie ein riesiger Christbaum.

In Luanda sind die Reichen der Hauptstadt im Restaurant "Miami Beach" reichlich vertreten. Am Nachmittag sind alle Liegestühle am Strand besetzt, sie werden von bewaffneten Männern bewacht, und im offenen Speisesaal, im Schatten der Palmen, gibt es keinen einzigen freien Tisch.

In einem Land ohne Erdöl würde es sich bei diesen Reichen, die ein halbes Durchschnittsmonatsgehalt für ein Essen oder eine Flasche Wein ausgeben, ehe sie eine Runde mit dem Jet-Ski drehen, um Industrielle, angesehene Ärzte, Banker oder Rechtsanwälte handeln. In Angola muss man Günstling einer der drei Machtzentren des Landes sein: von Futungo, wie hier die Präsidentschaft genannt wird, von Sonangol, der nationalen Erdölfirma, oder von der Armee. Man spricht hier von der "Schmiergeldrepublik", auch wenn die Geldschieberei oft andere Formen annimmt als direkte Geldübergabe: Bewilligung von Konzessionen an Diamantminen, betrügerische Privatisierungen, Garantien von Importmonopolen und -lizenzen, begünstigte Devisen zu privilegierten Zinssätzen und Kredite, die von den staatlichen Banken subventioniert werden.

So können einige Hundert Familien ihre Kinder zum Studium nach England oder nach Südafrika schicken, große klimatisierte Autos erwerben, Handys oder Markenprodukte in einem der diskreten Geschäfte kaufen, die nur für jene da sind, die Adresse und Passwort kennen.

Geschmiertes Geschäft

Die "Schmiergeld-Republik" hat aus Luanda eine der teuersten Städte der Welt gemacht. Sie verschlingt jeden Monat Millionen Öldollars, dabei bleibt den Führenden noch genug für ihre Privatschatullen übrig. Bei einer Affäre um die Firma Elf ("Angola-Gate"), der die französische Justiz beschäftigt, zeigte sich, dass Präsident José Eduardo dos Santos nicht vergessen hat, sich die eigenen Taschen zu füllen - er ist der reichste Bürger seines Landes -, und dass die westlichen Ölgesellschaften das Spiel mit den Schmiergeldern voll mitspielen.

Als sie durch eine Reihe vom Initiativen, von denen die bekannteste jene von George Soros ist, aufgefordert wurden, die Höhe der geheimen Geldflüsse bekannt zu geben, weigerten sie sich standhaft, mit Ausnahme der BP, die dafür fast aus Angola ausgewiesen wurden.

2001 wurden von den acht Milliarden Barrel Erdölvorkommen, die weltweit neu entdeckt wurden, sieben in Westafrika gefunden. Deshalb wurde die Region auch zu einem Schwerpunkt der US-Außenpolitik erkoren. "Der andere Golf", wie der Golf von Guinea genannt wird, liefert bereits 16 Prozent der Ölimporte, fast so viel wie die Prinzen von Riad. Der Prozentsatz soll sich in zwölf Jahren auf 25 Prozent erhöhen.

Fast die Gesamtheit des hier geförderten Erdöls wird in Raffinerien von Texas und Louisiana verarbeitet, wobei die Tankschiffe ausgerechnet der alten Sklavenroute folgen. Der Rohstoff hat sich geändert, der Vorgang jedoch nicht. (DER STANDARD Printausgabe, 02.01.2004, Serge Miche, Serge Enderlin)

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    Den Öl-Reichtum Angolas können nur wenige Privilegierte genießen. Der Großteil der Bevölkerung lebt in bitterer Armut.

  • Angola - Enklave des Öls
    der standard

    Angola - Enklave des Öls

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