Ausgekocht

5. Jänner 2004, 14:52
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Erfreuliche Neujahrsbotschaft aus der von guten wie von bösen Geistern verlassenen Grenzregion, wo sich demnächst unvorbereitet EU-Land auftun wird (sollte sich der Nebel lichten): Im ruhenden Gasthaus der Familie M., das nur noch der örtlichen Feuerwehr als Bierauffanglager dient, wird von nun an am Wochenende "ausgekocht". Ausgekocht? - Das hieß es doch einst über die Wäsche im großen silbernen Bottich. Ausgekocht - das war das graue lasche Beinfleisch, das seinem Knochen in der Suppe davonschwamm. Ausgekocht - das waren Schlitzohr, Frevler und Bandit.

Und nun der heroische Neustart im tiefen Waldviertel: Bei den M.s wird nicht mehr nur eingekocht, um den Winter im Dorf zu lassen. Es wird nicht nur aufgekocht - grandios übrigens und zur Hälfte der Wiener Preise. Nein, der Sohn ist vom gastronomischen Westen heimgekehrt und nimmt den Betrieb in die Hand. Und so verkündet die Schwiegertochter, erstmals in ihrem Leben nach Öffnungszeiten befragt, anmutig und stolz: "Samstag- und Sonntagmittag wer' ma jetz'n auskochen!" - Hinaus in die weite Welt. Wir dorffremden Gäste sind herzlich willkommen. Gerade noch rechtzeitig, bevor uns der neue EU-Osten einbrät.
(Der Standard, Printausgabe, 2.1.2004)

Von Daniel Glattauer
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