Freiheit, Gleichheit, Trockenrasur

6. Jänner 2004, 19:41
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Marthalers Zürcher "Danton" im Pfauen

Ein Flügel wird hereingeschoben, aber da die Bühne leicht geneigt ist, rollt das Instrument allein weiter und treibt gefährlich auf das Publikum zu. Der Pianist (Jürg Kienberger) kann es gerade noch aufhalten. Dann fixiert er das eine Bein des Flügels und schiebt ihn an, sodass er sich am Ort dreht. Dazu spielt Kienberger falsch harmonisierte Revolutionslieder.

So elaboriert das klingt, wenn man es nacherzählt, so sinnfällig spricht diese frei hinzu erfundene Szene von der Revolution: Sie macht sich selbstständig und dreht sich. Wie so oft bei Christoph Marthaler entsteht das Theater hier aus dem Geist - oder besser: aus der ständigen, tückischen Präsenz der Musik.

Fast unentwegt werden an diesem Abend irgendwelche Revolutionslieder gesungen oder gespielt: passende wie die Carmagnole, anachronistische wie El pueblo unido. Und einmal intoniert Kienberger gar die Marseillaise auf einem gestimmten Set von Gillette-Shavers. Die Klingen (der Guillotine) klingen freilich ziemlich hohl. Bezeichnenderweise gab's für diese Szenen, die nicht von Georg Büchner stammen, anlässlich der Premiere spontanen Applaus, denn eigentlich ist es die Musik, die diese Inszenierung lebendig und nachdrücklich wach erhält.

Sie trägt über alles hinweg, zuweilen auch über die Sprache. Der Rest ist Müdigkeit, und gerade sie dürfte Marthaler an Dantons Tod interessiert haben. Müde und einsam fühlt sich der Revolutionär, und er wünscht sich ins Grab. Robert Hunger-Bühler gibt den Titelhelden, der eben kein Held mehr sein will, mit der ganzen Virtuosität der gleichsam nebenher gesagten Bedeutsamkeit.

Das alles ist schon zu Beginn klar und wird nun über dreieinhalb Stunden hinweg ausgebreitet. Gewiss trifft Marthaler damit den Kern des Texts, aber er eliminiert auch einiges: etwa den Gegensatz zum tugendhaften Robespierre (Josef Ostendorf), der hier wenig charakteristisch wirkt und seine Strenge kaum ausspielen darf. Zwischen den Anhängern Dantons und Robespierres entsteht so kaum Spannung. Um was aber geht es hier noch?

Der historische Kontext tritt in den Hintergrund. Zum anderen wird die Wortgewalt der Büchnerschen Sentenzen unterspielt. Man kann das Stück - und das wäre eine seiner Schwächen - freilich auch als eine Folge von Monologen verstehen: Marthaler verstärkt diesen Eindruck, indem er eher eine oratorische Form denn das Drama anstrebt. Die Figuren erscheinen isoliert. Die Schauspieler rezitieren die Sätze rasch, aber mit vielen Pausen, wie Sprecharien, leise und verinnerlicht zum Teil, sodass man sie im ziemlich unruhigen Publikum oft kaum versteht.

Auch die Sprache, die so tiefsinnige Kapriolen dreht, scheint ihrer selbst müde geworden zu sein. Aber wer hätte auch allen Ernstes etwas anderes von Marthaler erwartet? Die Gestaltungsweise wird mit der ihm eigenen Konsequenz durchgehalten, wenngleich es an diesem Abend doch öfters auch zu Durchhängern führt.

Anna Viebrock hat - man möchte sagen: wie gewohnt - einen Wirtshaussaal einrichten lassen, der während des Abends allmählich abgebaut und ausgeräumt wird. Sinnfällig: Die Revolution entleert sich. Als Möblierung der Außen- und Innenräume bleibt am Schluss fast nur noch die Musik von Kienberger und Martin Schütz übrig. So zieht uns auch dieser neue, unverkennbare Marthaler wieder in seinen Bann, er birgt zahllose Einfälle. Ist es jedoch Absicht, dass die Ideen weniger sprühen wollen als früher? Ist er seines schweren Zürcher Amtes so müde geworden?

Reicht es denn aus, wenn ein Werk, das vom Lebensüberdruss handelt, sich von der Müdigkeit herabziehen lässt?
(DER STANDARD, Printausgabe, 2.1.2004)

Thomas Meyer aus Zürich
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