Garmisch: Weite geht doch vor Schönheit

26. Dezember 2005, 11:43
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Norweger Pettersen gewinnt auch in Garmisch - Höllwarth fühlte sich als Zweiter um Erfolg geprellt - Stockerl für den deutschen Späth

Christian Hackl aus Garmisch-Partenkirchen

Das zweite Viertel ist geschlagen, im Sinne von gesprungen. Ein neues Jahr muss nicht unbedingt Neues bringen, die Bestätigung lieferte der Norweger Sigurd Pettersen. Er gewann wie im alten. Betrug sein Vorsprung in Oberstdorf noch stattliche 22,5 Zähler auf den besten Verfolger (Thomas Morgenstern), waren es in Garmisch-Partenkirchen lediglich 0,7. Auf den Österreicher Martin Höllwarth, der Silvester nicht nur unbeschadet, sondern gestärkt überstanden hat. In Oberstdorf bereits Dritter, flog er diesmal zwar schöner als Pettersen, aber nicht ganz so weit (minus vier Meter), und darauf kommt es schon auch an.

Höllwarths zweiter Versuch (121 m) könnte rein theoretisch als Lehrvideo dienen, die Punktrichter gaben ihm Haltungsnoten von 19,5, und das war untertrieben. Dritter wurde der Deutsche Georg Späth, als zweitbester Österreicher kam Morgenstern auf Rang acht. In der Gesamtwertung führt Pettersen (549,0) deutlich vor Höllwarth (522,2).

Höllwarth (29) muss auf den ersten Sieg in einem Tourneespringen weiter warten, er probiert es seit 13 Jahren. Er fühlte sich diesmal ungerecht behandelt, war nahezu erbost: "Pettersen hat zu hohe Noten gekriegt, man hat mir den Sieg gestohlen. Es war ein sehr, sehr, sehr guter Sprung, normal müsste das ein Zwanziger sein." Pettersen war anderer Meinung: "Ich habe den Sieg verdient, ich gab mein Bestes. Ob es Glück war, weiß ich nicht. Ich bin glücklich, ich lächle, ich bin frei im Kopf." Eine Stunde später relativierte Höllwarth: "Warum soll ich mich ärgern, bringt nichts."

Im Garmischer Olympiastadion hatten sich viele Menschen versammelt (28.000), der Platzsprecher schrie hartnäckig gegen die Kater an. Nach jedem deutschen Athleten brüllte er "Finale", Hemmungslose sangen daraufhin "oho, oho". Hans Ostler, Ehrenpräsident des Skiclubs, steigerte die Stimmung ins kaum mehr Ertragbare, er gab den bereits jetzt legendären Satz von sich: "Das gibt es nur bei uns in Garmisch, dass die Skispringer zu uns nach Garmisch runterspringen."

Der Bewerb war freilich eher lahm, die Jury hatte eine zu tiefe Luke gewählt, der weiteste Satz gelang Pettersen (123 m), er blieb damit fünfeinhalb Meter unterm Schanzenrekord von Adam Malysz. Von Höllwarth abgesehen, überzeugten die Österreicher nicht wirklich. Andreas Widhölzl wurde 30. ("Ein Hängen und Würgen, da geht nix"), Florian Liegl und Martin Koch scheiterten in den K.o.-Duellen, kamen also nicht einmal ins Finale. Andreas Goldberger schloss als braver 15. ab. "Ich taste mich schön langsam wieder heran."

Das Tasten wird am Sonntag in Innsbruck fortgesetzt. (DER STANDARD Printausgabe 02.01.2004)

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    Ästhetik nur ein Teil des Ski-Springens.

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