Bologna: Röntgenuntersuchung für Postsendungen

3. Jänner 2004, 15:27
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Post an EU-Behörden wird durchleuchtet - Staatsanwaltschaft will so weitere Anschläge verhindern

Rom/Bologna - Die Staatsanwaltschaft von Bologna hat eine Röntgenuntersuchung aller Postsendungen angeordnet, die an EU-Behörden gerichtet sind. Damit soll die Zustellung weiterer Briefbomben aus Bologna verhindert werden.

Vom selben Täter

Bolognas Staatsanwalt Enrico Di Nicola ist davon überzeugt, dass die Briefbomben gegen EU-Kommissionspräsident Romano Prodi, EZB-Chef Jean Claude Trichet sowie an Europol und Eurojust in Den Haag vom selben Täter hergestellt und aufgegeben wurden. Weitere Briefbomben, die in den vergangenen Tagen in Bologna abgeschickt worden seien, könnten noch nicht ans Ziel gekommen sein.

Flugblatt mit Aufruf von "Europposition"

"Die gelben Umschläge und die beigelegten Auszüge aus einem Flugblatt sind identisch", erklärte Di Nicola. Das Flugblatt enthält einen Aufruf der Gruppe "Europposition", die sich als "Plattform antiimperialistischer, anarchistischer und autonomer Gruppierungen" versteht und den Widerstand gegen die Europäische Union propagiert.

Verdächtige verhört

Im Zuge der Ermittlungen zu den Briefbomben wurden mehrere Verdächtige verhört. Dazu gehört der Sarde Massimo Leonardi, der bereits nach den Ausschreitungen beim EU-Gipfel in Rom am 4. Oktober festgenommen worden war. Leonardi war mehrmals wegen Gewaltanwendung angezeigt worden. Für ein Gerichtsverfahren gegen ihn hatten die Beweise nie gereicht.

"Bedenkliche Eskalation"

Der Mailänder Staatsanwalt und Terrorfahnder Stefano Dambruoso wertet die jüngste Briefbombenserie als "bedenkliche Eskalation". Vieles deute auf einen "Übergang von demonstrativen Attentaten zu Anschlägen auf das Leben politischer Gegner" hin.

Netzwerk

Bei einem im September in Barcelona verhafteten Anarchisten seien Waffen und eine Liste möglicher Anschlagsopfer entdeckt worden. Der Nährboden dieses "internationalen Netzwerks" seien militante Formen des zivilen Ungehorsams, wo die "Grenzen zur Überschreitung der Legalität fließend" seien. "Den Fahndern sind häufig die Hände gebunden, weil die vom Strafgesetz verfolgte ,Bildung einer terroristischen Organisation' auf diese neue Szene nicht zutrifft", so Dambruoso.

Phänomen rabiaten Ungehorsams

Diese Gruppen reichten von militanten Tierschützern bis zu Anhängern der autonomen Jugendszene. "Sie verwenden den Begriff Anarchie, haben aber damit nichts gemein", erklärt Dambruoso. Es handle sich um ein neues Phänomen rabiaten Ungehorsams, dessen Plattform das Internet sei. Die jüngste Bombenserie beweise "das gewalttätige Potenzial", das in dieser bunten Szene entstehen könne. (DER STANDARD, Printausgabe 2.1.2004)

Von Gerhard Mumelter aus Rom
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    Bolognas Staatsanwalt Enrico Di Nicola ist davon überzeugt, dass die vier Briefbomben vom selben Täter hergestellt und aufgegeben wurden.

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