Zwischen Internet und Mohammed

19. April 2005, 11:33
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Die Vereinigten Arabischen Emirate sorgen für die Zeit nach den Petrodollars vor und will das Hongkong Arabiens werden

Dubai - Die arabische Welt erlebt enorme Veränderungen. Dubai will das Hongkong Arabiens werden, eine Region der die Verbindung von Islam und Globalisierung gelingen soll. In zwei Jahrzehnten hat das Emirat eine futuristische Stadt erschaffen, eine bienenemsige Riesenbaustelle.

Wir befinden uns am Kreuzpunkt des Indischen Ozeans, des Mittleren Ostens, des südlichen Kaukasus und des Ostens von Afrika. Und das Erdöl? Das Emirat von Dubai hat selbst nie viel Öl gefördert, 90 Prozent der Erdölreserven dieses Gebiets befinden sich im benachbarten Abu Dhabi, dem reichsten und mächtigsten der Emirate. Diese Ölknappheit bewog die Herrscherfamilie von Dubai, sich nach anderen Möglichkeiten umzusehen.

Tourismus, Immobilien, Finanzmarkt, Spitzentechnologie, Kommunikation: Dubai will das alles haben, und zwar sofort. Das Geheimnis seines Erfolgs? Die Einfuhr von Arbeitskräften. 85 Prozent der Bewohner sind ausländischer Herkunft, aus dem unversiegbaren Menschenreservoir der islamischen Welt. Dubai ist eine einzigartige Metapher für Globalisierung, zwischen Internet und Mohammed.

Schlösser im Sand

Marcela Maximova, eine 26-jährige Slowakin, führt uns durch das Hotel Burj Al-Arab, ein Juwel der neuen urbanistischen Krone von Dubai. "Die Freiheitsstatue hätte hier herinnen Platz!", erklärt sie bei unserem Empfang in der Lobby. Worüber sie sich begeistert, ist die Maßlosigkeit des Gebäudes, das sich mit Stolz das einzige Siebensternehotel der Welt nennen darf. Es hat die Form eines geblähten Segels, ein Totem der absoluten Modernität Dubais.

In den Aquarien neben der Rezeption schwimmen Hunderte tropische Fische, aber auch Haie und Tunfische, es herrscht ausreichend Raum für alle. Säulen, Lüster, Geländer, alles leuchtet in unvergleichlich goldenem Glanz. Zwei Rolltreppen höher versprüht ein Springbrunnen eine Fontaine von 34 Meter Höhe. Es gibt auch ein Dutzend gut sortierter Juweliere. In einer Vitrine findet man eine aus 24-karätigen Goldfäden geknüpfte Weste ausgestellt, die eines Tages ein sibirischer Oligarch oder ein Ölprinz aus Riad kaufen wird.

Die nächste Etappe dieser Reise ins Land der Superlative führt uns in ein ultramodernes verglastes Büro, über einem künstlichen See mit rosa Flamingos zwischen zarten grünen Bambusrohren.

Wir stehen vor Omar Ben Suleiman und Abdul Hamid Juma, zwei energischen Dreißigern aus dem Führungskader des Emirats in makellos weißer arabischer Kleidung. Ihre Ausbildung genossen sie an führenden amerikanischen Universitäten. Ersterer überwacht den Bau der Dubai Internet City. Der andere baut gerade eine andere Stadt nebenan, Dubai Media City.

Dubai Internet City

"Sehen Sie den kleinen See mit dem Schilfrohr?", erkundigt sich Omar. "Vor zwei Jahren gab es hier nichts als Wüste. Da haben wir Dubai Internet City hingebaut, ein Businesszentrum mit der besten Infrastruktur der ganzen Welt. Seit Eröffnung der ersten Geschäftslokale haben wir 1100 Firmen hergebracht, 14.000 neue Arbeitsplätze. Microsoft produziert hier die arabische Version seines Betriebssystems. Das ist hier kostengünstiger als in Seattle. Alle großen Namen dieser Branche haben sich hier niedergelassen oder werden es noch tun."

"Ich bin für Dubai Media City verantwortlich", ergänzt Abdul Hamid. "Sie wurde im Jänner 2001 eröffnet, 720 internationale Firmen, 30 Neuzugänge pro Monat. Sehen Sie die neuen Gebäude hinter dem See? Daneben befindet sich die arabische CNN, und Reuters hat seine Hauptquartiere für die Region hier aufgeschlagen."

Geboten werden 50 Jahre Einkommens- und Gewinnsteuerbefreiung sowie keinerlei Kontrolle über den Kapitalfluss. Die Gesellschaften dürfen hundertprozentig in ausländischem Besitz sein.

Wahid Attala, ein viel gereister ägyptischer Architekt , leitet die Arbeiten auf "der größten Baustelle der Welt", genannt "The Palm". Dieses auf palmenförmig angeordneten künstlichen Inseln entstehende gigantische Tourismus-und Immobilienprojekt soll Dubai zusätzliche 120 Kilometer Sandstrand verschaffen und in den nächsten Jahren 60.000 wohlhabende Gäste und Bewohner aus aller Welt anziehen. (DER STANDARD berichtete darüber zuletzt im RONDO vom 28. 11. 2003.)

Strafe für Schmutz

Auf der Weiterfahrt in den Oman müssen wir vor der Hauptstadt Muskat mit der Polizei verhandeln, um eine saftige Geldstrafe zu vermeiden. Es betrifft die Sauberkeit unseres Autos. Schmutzige Autos sind verboten, Befehl von Sultan Kabus I. Dieser ist mit 33 Jahren seinem Vater auf den Thron gefolgt und investiert seither seine Petrodollars (900.000 Barrel pro Tag), um aus dem Land einen Wundergarten zu machen - bewässert mit Meereswasser, das mit hohem Aufwand entsalzt wird.

Kabus genießt einen ausgezeichneten Ruf. Es ist ihm gelungen, die Wüste innerhalb von nur drei Jahrzehnten in eine prosperierende und müßiggängerische Schweiz zu verwandeln. Langsam kommen auch Touristen, aber: nur kein Massentourismus! Denn der Sultan will allen Verschmutzungen vorbauen, akustischen, visuellen, kulturellen und ökologischen.

"Seine Majestät hat das Erdöl mit den Untertanen geteilt und hat sich wie kein anderer Führer in der arabischen Welt für die Emanzipation der Frauen und den Frieden mit Israel eingesetzt", erklärt uns der Politologe Ahmed Ali al-Mukhami, 35 Jahre alt, mit dem wir uns im Café Versailles verabredet haben, in der Nähe von Ruwi, an einer Autobahnkreuzung.

Verehrter Sultan

Das Summen der Klimaanlage übertönt unsere Unterhaltung. Das Wesentliche in Kürze: "Wir verdanken dem Sultan sehr viel. Die Menschen hier lieben ihn. Ich persönlich verehre ihn." "Wir haben noch Erdöl für weitere zwanzig Jahre, danach müssen wir etwas anderes finden." "Es besteht begründete Hoffnung auf große Erdgasvorkommen." - "Die Omaner leben hier seit 6000 Jahren. Es ist ein sehr altes Volk." - "Oman, das ist die Essenz Arabiens. Die Amerikaner kontrollieren nicht das Land, aber wir unterhalten ausgezeichnete Verbindungen mit London. Einverstanden, das ist das Gleiche."

Am nächsten Tag machen wir uns wieder auf in die Vereinigten Arabischen Emirate. Es ist unmöglich, den Grenzposten von Buraimi zu verfehlen. Erstens weil das Zollamt auf der omanischen Seite das Aussehen und die Ausmaße eines Palastes aus 1001 Nacht hat, auf dem man in großen goldenen Lettern folgende originelle Inschrift liest: "Sultan Kabus". Zweitens weil uns auf der anderen Seite eine riesige Werbefläche in den Emiraten folgendermaßen willkommen heißt: "Essen Sie einen Mac Arabia!"

Flugzeugträger Katar

Die USA haben den Irakkrieg gewonnen. Er wurde von Katar aus geführt. Hier hat General Tommy Franks den Invasionsplan gezeichnet. Hier wurden die Koordinaten der irakischen Ziele in den Computer eingegeben. Während der Monate vor dem Angriff wurde das winzige Land Katar (es ist so groß wie ein kleines französisches Département) zum neuen Flugzeugträger im Golf, als es den Generalstab des US Central Command (Centcom) aus Tampa in Florida bei sich aufnahm.

Saudi-Arabien benachbart, ragt dieses Emirat in den Golf wie ein Wachturm auf einer Küste, auf halber Distanz zwischen Basra und der Straße von Hormus. Der lokale Emir, Scheich Hamad ben Khalifa al-Thani, ist, obwohl selbst Wahhabit, viel weniger empfindlich, was die Durchsetzung der islamischen Scharia betrifft, als seine saudischen Cousins. Er verfolgt eine Politik der politischen Öffnung und gewährt Pressefreiheit. Das Land ist die Heimat von Al-Jazeera, jenes arabischen Senders, der weltweit berühmt wurde, als er Videos von Osama Bin Laden ausstrahlte.

Für die Regierung Bush ist dieses Katar ein Geschenk des Himmels, ein modellhaftes Demokratie-Embryo, das man in die Umländer exportieren will, zumal der kleine Unruhestifter der frömmelnden Bigotterie der benachbarten Saudi-Araber ganz ohne Ehrerbietung begegnet. Ein westlicher Diplomat in Doha bestätigt das: "Die Amerikaner fühlen sich hier zu Hause, und da es so wenig Bevölkerung gibt, gibt es auch keine starke öffentliche Meinung. Es gibt keinerlei Widerstand gegen ihre Anwesenheit hier. Das hier ist nicht Saudi-Arabien, es gibt keinen militanten Islamismus, beziehungsweise ist er zahlenmäßig nur schwach vertreten und wird streng überwacht."

Übereilter Wandel

"Der Emir ist politisch viel zu schnell unterwegs", sagt der Diplomat. "Emanzipation der Frauen, offene Wahlen, Schaffung einer Verfassung: Die Bevölkerung ist noch nicht bereit dafür, sie ist viel konservativer als er. Sie haben hier eine Gesellschaft, ich spreche von der Gesellschaft von Katar, wo ein Viertel der Bevölkerung, die jungen Leute, das heißt die jungen Männer, stark von der wahhabitischen Tradition geprägt sind.

Gleichzeitig werden sie von westlichen Werten angezogen, von Sitten, die sie noch nicht in der Lage sind zu assimilieren. Die jungen Männer denken nur an Sex, aber damit ihre jungen Freundinnen bis zur Hochzeit Jungfrauen bleiben, sodomisieren sie sie. Alle sind zufrieden, die Ehre der Familien ist gerettet, man tut so, als sei alles in bester Ordnung. Das ist die arabische Scheinheiligkeit."

Die Machthaber finanzierten zwar auch fortschrittsfeindliche islamische Stiftungen, wollten aber zugleich aus Doha ein Aushängeschild der Toleranz machen. Das sei aber alles nur eine Illusion, da es den Zusammenprall zweier unvereinbarer Paradigmen bedeutet, der den 11. September herbeigeführt habe. Auch die saudischen Todespiloten seien westlich geworden, aber sie hätten ihr Wahhabitentum nicht abgelegt.

Erstaunlichen Stabilität

Das Emirat erfreut sich nichtsdestoweniger einer erstaunlichen Stabilität. Man hätte eigentlich das Aufflammen einer antiamerikanischen Bewegung während des Krieges erwarten können, aber nichts davon ist eingetroffen. Die Gefühle der Bevölkerung bleiben unergründlich. Nicht nur weil man sie nicht ergründet, sondern weil selbst der Begriff "Bevölkerung" in Katar unbestimmt ist. Die eingewanderten Arbeiter (drei Viertel der 750.000 Einwohner) äußern sich nicht zu politischen Fragen. Ihr einziges Recht besteht im Schuften.

Die Katari selbst haben Besseres zu tun. Während der Woche arbeiten sie in der Ölproduktion oder in öffentlichen Ämtern, was auf dasselbe herauskommt. Und am Mittwochabend, wenn das muslimische Wochenende beginnt, fahren sie mit ihren Geländewagen zu den Dünen: Rallyes und Beduinen-Picknicks für die Einwohner von Doha.

In Katar gibt es noch kein Wasser im Gas. Aber es gibt 900 Trillionen Kubikmeter Gas im Wasser, während ihre Nachbarn die Füße im Erdöl haben. "Wir verflüssigen das Gas für den Export. Das ist sehr teuer, aber sehr umweltfreundlich. Erdgas ist die Energie der Zukunft", erklärt uns Ali Saado Abdul Ghani, ein Ägypter, der die Werbebroschüren für Qatar Petroleum, die nationale Ölgesellschaft, verfasst. Bis zum Jahr 2010 wird Katar 45 Millionen Tonnen Flüssiggas produzieren, das umweltfreundlichste aller Erdölprodukte, mehr als doppelt so viel wie Indonesien, das sein derzeitiger Hauptkonkurrent ist. (DER STANDARD Printausgabe, 30.12.2003, Serge Miche,l Serge Enderlin)

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  • Entlang des Arabischen Golfes
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