"Gebt den Amerikanern eine Chance"

1. Jänner 2004, 10:31
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Tikrit: Elf sunnitische Stammesführer gründen ein Versöhnungskomitee - Bemühung um Gespräche mit Rebellen

Tikrit - Im "sunnitischen Dreieck" nördlich von Bagdad formiert sich erstmals eine Ablehnungsfront gegen die täglichen Anschläge von Aufständischen. Elf sunnitische Stammesälteste haben in Tikrit, der Heimatstadt des gestürzten Staatschefs Saddam Hussein, ein Versöhnungskomitee gebildet, wie Sheikh Sabah Mahmud, der Führer des Sada-Stammes, Montag mitteilte.

US-Anwesenheit akzeptieren

"Es ist Zeit, dass wir unseren Streit überwinden und auf die Zukunft schauen", sagte Mahmud. Die Anwesenheit von US-Truppen müsse als Tatsache akzeptiert werden. "Gebt den Amerikanern eine Chance", habe er seinen Leuten gesagt. Das Versöhnungskomitee bemühe sich um Gespräche mit den Rebellen, damit diese ihren bewaffneten Widerstand einstellen.

"Das ist erst der Anfang"

"Das ist erst ein Anfang", sagte der Stammesführer bei einem Treffen mit sieben Geistlichen und einem US-Offizier im Gebäude der Provinzregierung von Tikrit. Solche Treffen gibt es seit Sommer. Anfangs waren die Iraker noch nicht zur Zusammenarbeit mit den USA bereit - stattdessen beklagten sie sich bei diesen Treffen nur über Verhaftungen, Razzien, Ausgehverbote und andere Einschränkungen.

Langsame Einsicht

Die Bildung eines Versöhnungskomitees markiert nun eine neue Offenheit von zumindest einigen sunnitischen Persönlichkeiten. Die Sunniten haben den Irak seit Jahrhunderten regiert. Mit dem Sturz und der Gefangennahme von Saddam Hussein haben sie ihre politische und gesellschaftliche Vormachtstellung verloren. Aber ein Teil von ihnen scheint nun einzusehen, dass sie nur dann eine Rolle bei der Gestaltung der künftigen Regierungsstrukturen spielen können, wenn sie mit der Besatzungsmacht zusammenarbeiten.

"Eine gute Nachricht"

Oberstleuntant Steve Russel, der Vertreter der US-Streitkräfte bei den Treffen mit den Sunniten in Tikrit, begrüßt die Bildung des Versöhnungskomitees. "Das ist eine gute Nachricht", sagt er den Gesprächspartnern. "Inshallah", antworten diese - "so Gott will". Seine Vorgesetzten beim Zentralkommando der Streitkräfte in Bagdad seien überrascht von der Entwicklung, erklärt Russell. "Jeder stellte sich vor, dass Tikrit ein derart schlimmer Ort ist, dass dort nie etwas in dieser Richtung passieren würde", erklärt er den Stammesführern und löst damit Gelächter aus.

Freilassungen als Gegenleistung

Die Sunniten erwarten natürlich auch Gegenleistungen - schon allein, damit sie in der eigenen Bevölkerung nicht ihr Gesicht verlieren. Ganz oben auf der Wunschliste steht die Freilassung von 248 Personen, die unter dem Verdacht stehen, in Anschläge auf Koalitionstruppen verwickelt zu sein. (AP)

Von Jason Keyser aus Tikrit
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