"Am liebsten für immer 17 bleiben"

1. Jänner 2004, 20:37
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Anamaria aus Rumänien und Gena aus Kasachstan, zwei minderjährige Flüchtlinge, fürchten sich vor dem neuen Jahr - Mit 18 sollen sie aus ihrer Caritas-Wohngemeinschaft ausziehen

Anamaria aus Rumänien und Gena aus Kasachstan, zwei allein stehende minderjährige Flüchtlinge, haben große Furcht vor dem neuen Jahr. Weil sie beide 18 Jahre alt werden und das Gesetz sie dann zwingt, Knall auf Fall aus ihrer Caritas-Wohngemeinschaft in Wien auszuziehen.

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Anamaria liebt rumänische Musik, aber auch Blues und House und RNB. Sie hat in der Schule viele Freunde und geht gerne zu McDonald's - wenn auch nur selten, weil ihr das Geld dazu fehlt. Anamaria lacht viel, manchmal ein bisschen verhalten. Wenn sie es sich aussuchen könnte, würde sie "am liebsten für immer 17 bleiben".

Auch Gena ist 17. Er liest viele Bücher und Zeitungen, derzeit vor allem deutsche, und hört gern Symphonien von Bach und Mozart. Nach dem Unterricht in einem Gymnasium geht er fast täglich schwimmen. Gena wirkt meist heiter, aber er hat ein Problem: Er fürchtet sich vor seinem nächsten Geburtstag.

Der ist am 5. 5. 2004, und was danach kommt, ist dem Burschen aus Kasachstan schon jetzt ein Gräuel: "Wie soll ich die Schule fertig machen, wenn ich auf der Straße stehe?", fragt er eindringlich in die Runde von Jugendlichen und Betreuerinnen, die sich zum Interviewtermin in der Küche der Mädchen-Wohngemeinschaftstrakts im Caritas-Haus Bernardgasse eingefunden haben.

Strenge Regel

Doch niemand kann ihm seine Beunruhigung nehmen: "Das ist wirklich unser größtes Problem. Dass die Jugendlichen am Tag ihrer Volljährigkeit hier ausziehen müssen", bestätigt vielmehr eine Betreuerin mit betretenem Gesicht: Die strenge Regel, die unbegleitete jugendliche Flüchtlinge - in Österreich rund 200 - mit 18 Jahren Knall auf Fall aus der Intensivbetreuung für Minderjährige entlässt, macht auch den Sozialarbeitern Stress.

Ungewisse Zukunft

Anamaria aus Rumänien und Gena aus Kasachstan hingegen zwingt diese Regel in eine unangenehme Warteposition. Der altersadäquaten Betreuung jetzt in der WG steht eine ungewisse Zukunft gegenüber: "Mit Glück findet sich ein Platz in der Bundesbetreuung, mit Pech nur einer in einer Notschlafstelle", weiß die Betreuerin. Verdrängen, so erzählt sie, würden die meisten Jugendlichen diese trüben Aussichten. So wie viele von ihnen es mit den Ereignissen täten - ja aus Gründen des psychischen Überlebens tun müssten -, die sie zum Verlassen ihrer Heimat auf eigene Faust bewogen haben.

Die Drohungen der Waffenschieber etwa, die Gena - damals knapp 16 - dazu brachten, sich in Kasachstan vier Monate lang zu verstecken. Um sich dann einem Schlepper anzuvertrauen, der ihn am Ende der Flucht in einer kleinen Stadt aus dem Auto steigen ließ: "Er hat mir gesagt: ,Das hier ist Deutschland.' Dabei war ich in Österreich. Er hat mich betrogen", erzählt der Bursch voller Zorn. Sein Asylantrag ist in erster Instanz abgelehnt worden.

Gena will hier bleiben

Doch Gena will "hier bleiben" und zählt trotzig seine Wünsche für "in zehn Jahren" auf: "Eine kleine Wohnung, eine Frau, zwei Kinder, ein Auto, ein guter Job." In Österreich, so betont er, gebe es "alles" - verglichen mit Kasachstan, wo "niemand ein Stück Brot wegwerfen würde, wie ich es hier auf der Straße schon beobachtet habe".

Anamaria, die in Österreich ein Visum aus humanitären Gründen erhalten hat, wirkt weit weniger von sich überzeugt: Eine eigene Wohnung haben, das wäre schön, und eine "gute Arbeit". Vielleicht "als Sekretärin, aber ich glaube, das ist zu schwer."

Zu schwer? Die "komplizierte Sprache Deutsch" hat sich die junge Frau in nur wenigen Monaten angeeignet. (Irene Brickner/DER STANDARD; Printausgabe, 31.122003/1.1.2004)

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