Schillernder Terrorismus

7. Jänner 2004, 17:43
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Weltweit tendieren Staaten dazu, den Begriff des "Terrorismus" ungeniert so zu definieren, wie es ihren Interessen am besten entspricht - von Christoph Winder

Rechtzeitig zum Jahresende taucht der "Terrorismus", einer der apokalyptischen Reiter unserer Zeit, wieder gebieterisch auf der Bühne der Weltöffentlichkeit auf. Aus Angst vor Anschlägen zu Silvester verschärft die Polizei in Bagdad die Sicherheitsvorkehrungen. Großbritannien schließt aus demselben Grund seine Botschaft in der peruanischen Hauptstadt Lima. Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass die deutschen Atomkraftwerke unzureichend gegen Terror geschützt seien. Eine Gruppe obskurer italienischer Euroanarchisten verschickt Briefbomben an diverse EU-Institutionen.

Allein diese - keineswegs erschöpfende - Zusammenfassung einschlägiger Terrormeldungen aus den letzten Tagen zeigt, welch heterogene Erscheinungen unter dem Begriff des "Terrorismus" zueinander finden. Dabei dürften sich die Beweggründe eines radikal-islamistischen Eiferers, der zum "Heiligen Krieg" nach Bagdad reist, von der eines verbohrten EU-Hassers, der in einem Kartoffelkeller in Bologna Briefbomben bastelt, doch erheblich unterscheiden.

Wer zu einem tieferen Verständnis des Phänomens "Terrorismus" kommen will, muss lernen, hinter der Identität seiner Vorgangsweisen - aus dem Hinterhalt geplante Gewaltakte, bei denen meist auch Zufallsopfer zu Schaden kommen - die Unterschiedlichkeit seiner Motive zu erkennen. Das ist wichtig, weil Terrorismus nur dann wirksam bekämpft werden kann, wenn seine Ursachen offen zutage treten. Es ist aber auch deshalb wichtig, weil weltweit die Staaten dazu tendieren, den Begriff des "Terrorismus" ungeniert so zu definieren, wie es ihren Interessen am besten entspricht. Die Rolle des Terrorismusbekämpfers ist für alle Machthaber überaus komfortabel und lädt zu Missbräuchen geradezu ein. Eine exakte Definition dessen, was denn nun unter "Terrorismus" wirklich verstanden werden soll, ist auch ein Gegengift gegen die Exzesse seiner Bekämpfer. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2003/1.1.2004)

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