"Weltuntergangsszenarien sind aus heutiger Sicht lachhaft"

26. Jänner 2004, 15:23
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Die Pioniere des deutschen Privatfernsehens Helmut Thoma und Jürgen Doetz im STANDARD-Interview über Billigkonfektion, Flops und die TV-Zukunft in Österreich

Familien zerrütten, Kinder verblöden, die Kultur erlebt ihren Niedergang: Alles so nicht gekommen, sagen die Pioniere des deutschen Privatfernsehens im STANDARD-Interview: Helmut Thoma und Jürgen Doetz über Billigkonfektion, Flops und die TV-Zukunft in Österreich.

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STANDARD: Haben Sie 1984 diese Entwicklung des Privatfernsehens erwartet?

Thoma: Natürlich, wenn auch nicht im Detail. Ich wusste, dass das nur Erfolgschancen haben kann, und habe immer daran geglaubt, dass RTL einen Spitzenplatz erreichen kann. Den haben wir '92 erreicht und seither beibehalten.

Doetz: Ich glaube, das konnte niemand. Man ging davon aus, dass man mit fünf, sechs Millionen Haushalten ein Vollprogramm finanzieren kann. Aus heutiger Sicht eine absolute Milchmädchenrechnung.

Dass man einmal eine ernsthafte Konkurrenz zu den Öffentlich-Rechtlichen werden würde, stand auch in den Sternen. Wenn jemand damals die Vision gehabt hätte, die der heutigen Gegenwart entspricht, wäre er in der Klapsmühle gelandet.

STANDARD: Was vermissen Sie jetzt aus der Anfangszeit des Privatfernsehens?

Thoma: Vermissen in dem Sinne gar nichts, weil es damals schon eine schwierige Zeit war. Man musste ungeheuer viel improvisieren. Es war ungeheuer anstrengend. Weil ich persönlich für alles zuständig war: vom Programm bis zu politischen Interventionen, um Kabelplätze, Satelliten und alles Mögliche zu bekommen. Das vermisse ich nicht, aber ich bin froh, dass ich es gemacht habe.

Doetz: Unser wichtigstes Ziel damals hieß, wir entdecken den Zuschauer. Ich glaube, diese Achtung muss heute wieder in den Vordergrund treten. Ich erwarte in den nächsten zehn, zwanzig Jahren einen dramatischen Umbruch in der Medienlandschaft. Den kann man nicht verwalten. Da muss man mit Begeisterung herangehen.

STANDARD: Seit Sendestart heißt es, Privat-TV habe zur Verflachung der Programme beigetragen.

Thoma: Was heißt Verflachung? Die Ähnlichkeit der Programme ist enorm stark. Für mich verkörpert sich das am schönsten in der ersten Serie, die RTL gemacht hat: das "Schlosshotel am Wörthersee". Da haben unsere öffentlich-rechtlichen Kollegen geradezu Kübel voll Hohn und Spott über uns ausgegossen. Jetzt läuft es gerade zum vierten Mal bei der ARD mit großem Erfolg.

Doetz: Weltuntergangsszenarien wie Familien werden zerrüttet, Kinder verblöden, die Kultur erlebt ihren Niedergang - das ist aus heutiger Sicht lachhaft.

Was die Gründerväter sicherlich vergessen hatten, ist, dass es sich um Kommerzfernsehen handelt. Das heißt, die Werbeerlöse bestimmen auch das Programm. Und es muss Massenprogramm sein. Das führte natürlich zur Massenbilligkonfektion. Mittlerweile hat der private Rundfunk gezeigt, und die Zuschauer haben das angenommen, dass privates Fernsehen auch für Qualität stehen kann: bei Filmen wie "Das Wunder von Lengede" oder guter Unterhaltung, wie sie bei RTL mit Quizsendungen stattfindet.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist privater geworden. Da müssen wir höllisch aufpassen, dass das Rad zurückgedreht wird.

STANDARD: Was sind die großen Leistungen des Privatfernsehens?

Thoma: Fernsehen zu einer Kundendienstleistung gemacht zu haben, nicht zu einer obrigkeitlichen Volksbeglückung oder -belehrung.

Doetz: Vor 20 Jahren war Fernsehen Autorität, Maßstab für viele Bereiche. Durch die vielen Angebote ist Fernsehen ein Informations- und Unterhaltungsmedium geworden, das keine falsche Autorität mehr beanspruchen muss. Deutschland ist zu einem Fernsehkiosk geworden. Inhaltlich ist es zum Beispiel RTL gelungen, sich auch eine hohe Informationskompetenz zu erwerben. Und dass es einmal zwei private Nachrichtenkanäle gibt, hätte man auch vor zwanzig Jahren nicht voraussehen können.

STANDARD: Die größten Flops?

Thoma: Bei RTL gab es einen einzigen, und an dem sind wir eigentlich nicht schuld. Wir haben die Bundesliga gekauft und durften sie nicht so einsetzen wie wir wollten. Die ARD musste ihre "Sportschau" nicht abgeben. Das hat danach Sat.1 gemacht und damit einen gewissen Erfolg gehabt. Na gut, das ist danebengegangen, ansonsten konnte die Erfolgsstory eigentlich keine großen Flops erlauben.

Doetz: Jeder hat Serien oder Spielfilme, die er in den Sand gesetzt hat. Im Informationsbereich waren es Sendungen wie "Einspruch", diese Crash-TV-Sendungen, die hat auch der Zuschauer aus dem Programm gekegelt. Oder einzelne Unterhaltungssendungen, die mit dem Jugendschutz nicht ganz kompatibel waren. Riesenflops sehe ich eigentlich nicht.

STANDARD: RTL leiten die Österreicher Gerhard Zeiler und Hans Mahr, Pro Sieben und Sat.1 die Schweizer Urs Rohner und Roger Schawinski. Können es die Deutschen nicht?

Thoma: Die öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland sind keine Ausbildungsstätten, das sind eigentlich Behörden. Da ist Österreich schon etwas besser. Ich habe natürlich auch einiges ausgelöst damals, weil fast alle geglaubt haben, in Österreich lernt man das viel besser.

Die Schweizer betrachte ich mit großem Erstaunen. Wenn man sich das Schweizer Fernsehen anschaut, dann ist das noch mehr Behörde als die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland. Der Rohner wollte halt jetzt mit jemand zweitem Schwyzerdütsch sprechen.

Doetz: Mit den Österreichern haben wir ja keine so schlechten Erfahrungen in der Geschichte des Privatfernsehens gemacht. Auch die Schweizergarde wird zeigen, dass man in der deutschen Rundfunklandschaft als Ausländer gute Erfolge vorweisen kann.

STANDARD: Wie schaut in Österreich in zwanzig Jahren Privatfernsehen aus?

Thoma: Ich vermute, da gibt's ein paar Lokalsender und sonst nichts. Bei Puls-TV sehe ich eine Zukunft, wenn sie es geschickt machen, weil die keine Konkurrenz haben. ATV hat das Riesenproblem, dass die sich mit den deutschen Privatsendern herumschlagen müssen und auch der ORF im ersten Programm schon ein lupenreines Privatprogramm macht. Sonst werden die deutschen Sender das Gebiet mit irgendwelchen Österreichfenstern abdecken. Ich glaube nicht an österreichweites Privatfernsehen. Außer der ORF wird privatisiert, zumindest ein Programm. In Österreich gehen die Uhren noch viel langsamer als anderswo.

Doetz: Nachdem man Albanien endgültig aus der Diskussion rausnehmen kann, ist Österreich sicherlich dabei, wenn auch nicht mit Meilenstiefeln, aber mit kleinen Schritten dem dualen System hinterherzuhinken. Es wird immer ein zu kleiner Markt sein, um für Europa maßgeblich zu sein. Aus Österreich wird immer der Export von Köpfen wichtiger sein. (Alexandra Föderl-Schmidt/DER STANDARD; Printausgabe, 31.12.2003/1.1.2004)

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    Der Wiener Helmut Thoma (64) leitete die ORF-Rechtsabteilung, war dann com Start bis 1998 RTL-Geschäftsführer.

  • Der Heidelberger Jürgen Doetz (59) ist seit Gründung im Management von Sat.1, zudem Chef des Privat-TV-Verbands

    Der Heidelberger Jürgen Doetz (59) ist seit Gründung im Management von Sat.1, zudem Chef des Privat-TV-Verbands

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