ORF war Brutstätte des Privatfernsehens

26. Jänner 2004, 15:23
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Begonnen hat alles in Wien - Nicht nur der erste RTL-Chef Helmut Thoma kam vom Küniglberg - Auch Sat.1-Pionier Jürgen Doetz holte sich dort das Rüstzeug

Begonnen hat alles in Wien. Nicht nur der erste RTL-Chef Helmut Thoma kam vom Küniglberg. Auch Sat.1-Pionier Jürgen Doetz holte sich dort - was kaum einer weiß - das Rüstzeug.

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"Wie ein Agent" habe er sich gefühlt, erinnert sich Doetz. Ein halbes Jahr durfte er beim ORF Fernseherfahrung sammeln, was ARD und ZDF naturgemäß verweigert hätten. Verabredet hatten das der Münchner Filmhändler Leo Kirch mit seinem Freund, ORF-Generalintendant Gerd Bacher. Eingeweiht waren sonst nur Gerhard Weis, damals Generalsekretär und zuletzt selbst ORF-Chef, Medienforscher Peter Diem und Pressesprecher Franz Ferdinand Wolf, später Manager von Sat.1 Österreich.

Der "Urknall" erfolgt am 1. Jänner 1984. Nach einer Panne: Um 9.58 Uhr - zwei Minuten zu früh - geht der erste Privatsender auf Sendung. Programm für Kabel und Satellit (PKS) nennt sich, woraus Sat.1 wurde. Doetz, Mitarbeiter 001, begrüßt die Zuschauer aus einem Kellerstudio in Ludwigshafen.

"Mochen S' dös"

Einen Tag später, am 2. Jänner, holt um 17.27 Uhr Moderator Rainer Holbe im Chirurgenkittel vor laufender Kamera einen Fernseher in einer Luxemburger Garage ans Licht der Welt, auf dem das Senderlogo "RTL plus" prangt.

Senderchef Thoma setzte von Anfang an auf Aufreger: Sein "Mochen S' dös" galt als Vertrag. So durfte der Ösi-Export Erika Berger Tipps für erotische Leibesübungen geben, während Ulrich Meyer schon früh auf den "Heißen Stuhl" bat und später dann bei Sat.1 "Einspruch" brüllte. Wegen der Fülle von Sexfilmen und Shows brachte es RTL kurzzeitig auf eine neue Definition für das Senderkürzel: Rammeln, Töten, Lallen. Sat.1 stand mit Lederhosenerotik aus Leo Kirchs Archiv nicht nach, setzte auf neue Heimatfilme à la Bergdoktor und Comedy, etwa Harald Schmidt.

Das Angebot 2003

Und was brachte Privatfernsehen noch? Der durchschnittliche Deutsche sah 1984 136 Minuten fern, heute sind es schon 207 Minuten. Das Angebot 2003: acht Vollprogramme, 13 Spartensender und vier bundesweite Fensterprogramme. Zusätzlich 13 Pay-TV-Programme. In Österreich übrigens 162 Minuten täglich, auch wenn die meisten über Kabel und Satellit nicht weniger Angebot haben.

Knapp 380 Millionen Euro gaben Konzerne in Deutschland 1984 für Fernsehwerbung aus. 2003 waren es allein bis Oktober 5,9 Milliarden. (Alexandra Föderl-Schmidt/DER STANDARD; Printausgabe, 31.12.2003/1.1.2004)

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